Holocaust-Gedenken: Lücken in der österreichischen Erinnerungspolitik

Userkommentar27. Jänner 2015, 13:42
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Maly Trostinec fehlt auf der geistigen Landkarte Österreichs – für ein Mahnmal gibt es keine finanziellen Mittel

Vor genau 70 Jahren wurde das KZ Auschwitz befreit. Der Antisemitismus ist mit der Befreiung aber nicht verschwunden, er ist noch immer allgegenwärtig. Eine Umfrage der amerikanischen Anti-Defamation League vom Vorjahr erhob, dass 42 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher meinen, Jüdinnen und Juden hätten zu viel Einfluss auf die internationalen Finanzmärkte. 33 Prozent bilden sich ein, Juden und Jüdinnen hätten zu viel Kontrolle über die globale Politik. Die antisemitischen Mythen der 1930er-Jahre sind nicht Geschichte, sie wirken noch immer.

Antisemitismus kommt nicht von irgendwo her – es gibt historische Kontinuitäten, und gerade deswegen ist es so wichtig, über die Vergangenheit zu reden.

Österreichs historische Verantwortung

Vor fünf Jahren veröffentlichte derStandard.at einen Text, der auf der damaligen Mahnkundgebung zur Auschwitz-Befreiung am Wiener Judenplatz vorgetragen wurde. Der Tenor des Kommentars: "Auschwitz ist auf der geistigen Landkarte Österreichs nicht zu finden." Inzwischen ist der internationale Holocaust-Gedenktag, der Tag der Befreiung des Nazi-Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz, Teil der österreichischen Erinnerungskultur geworden.

Trotz allem, Auschwitz ist nach wie vor ein weit entfernter Ort auf der geistigen Landkarte Österreichs. Noch immer besuchen mehr Menschen aus Südkorea oder Singapur die Gedenkstätte Auschwitz als Menschen aus Österreich. Dabei hat Österreich eine besondere historische Verantwortung – nicht nur SS-Männer waren Österreicher, sondern auch die Planer der Gaskammern, Krematorien und Baracken von Auschwitz.

Unbekanntes Maly Trostinec

Es gilt noch immer Lücken in der österreichischen Erinnerungspolitik zu schließen. Kaum jemand in Österreich kennt Maly Trostinec – und doch hat dieser Ort in Weißrussland für Österreich eine besonders grausame Bedeutung. Nach Recherchen von Waltraud Barton vom Verein IM-MER wurden hier die meisten österreichischen Jüdinnen und Juden ermordet. Bis Oktober 1942 verließen mindestens zehn Deportationszüge den Wiener Aspangbahnhof in Richtung Weißrussland, weitere kamen vom KZ Theresienstadt. 13.500 Österreicherinnen und Österreicher wurden hier – direkt nach der Ankunft – per Genickschuss erschossen oder in einem der vier Gaswagen qualvoll erstickt. Die Überlebenschancen waren gleich null, nur 17 Menschen haben überlebt.

Ein Vernichtungsort

Maly Trostinec war ein Vernichtungsort, kein Lager: Es gab kaum Baracken, nur Massengräber. Auf Befehl von Reinhard Heydrich, dem Leiter des Reichssicherheitshauptamts, wurden die Deportierten sofort nach ihrer Ankunft ermordet. Auch Österreicher waren unter den Tätern, wie zum Beispiel ein Gaswagenfahrer, der 1970 trotz seines Geständnisses von einem Geschworenengericht in Wien freigesprochen wurde. Ein Skandal für sich.

Kein Mahnmal

Bis heute erinnert in Maly Trostinec nichts an die österreichischen Opfer des NS-Vernichtungsantisemitismus. Es fehlt ein Denkmal. Bartons Verein IM-MER setzt sich dafür ein. Seit 2013 gibt es – nach einem Wettbewerb mit über 40 Einreichungen – einen von einer Fachjury ausgewählten Denkmalentwurf für die in Maly Trostinec ermordeten österreichischen Jüdinnen und Juden. Jedoch fehlt bis heute die Finanzierung. Hier sind die Bundesregierung und die Stadt Wien gefordert, die finanziellen Mittel bereitzustellen. Ein Denkmal wäre ein notwendiger Schritt, damit die Erinnerung an Maly Trostinec Teil der österreichischen Gedenkkultur wird.

Die Geschichte von Auschwitz und Maly Trostinec zeigt, dass Antisemitismus nicht bagatellisiert und geduldet werden darf. Jene in unserer Gesellschaft, die noch immer an antisemitischen Mythen festhalten, jene 30 Prozent, die meinen, Jüdinnen und Juden hätten zu viel Kontrolle über die Medien, dürfen nicht verharmlost werden. Antisemitische Gewalt- und Vernichtungsdrohungen müssen ernst genommen werden. Wir wissen, wohin Antisemitismus geführt hat. Das dürfen wir niemals vergessen! (Moritz Wein, derStandard.at 27.1.2015)

Moritz Wein arbeitet im Menschenrechte-Referat der ÖH-Bundesvertretung, studiert Politikwissenschaft an der Uni Wien. Er engagiert sich im Bündnis "Jetzt Zeichen setzen" und hat 2009 und 2010 die Mahnkundgebung zur Auschwitz-Befreiung mitorganisiert.

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"... zur Grube gebracht"

  • Nur 17 nach Maly Trostinec deportierte österreichische Jüdinnen und Juden überlebten.
    foto: adelheid wölfl

    Nur 17 nach Maly Trostinec deportierte österreichische Jüdinnen und Juden überlebten.

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