70 Jahre nach Auschwitz: Weltweites Gedenken an Holocaust-Opfer

27. Jänner 2015, 22:06
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Deutscher Bundespräsident Gauck: Erinnerung an den Holocaust Sache aller Bürger

Auschwitz - Die internationale Gedenkfeier im ehemaligen deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau steht zum 70. Jahrestag der Befreiung im Zeichen der Überlebenden. Rund 300 der inzwischen hochbetagten früheren Häftlinge wollen am Dienstag an die Opfer erinnern, die Auschwitz nicht überlebt haben.

Unter nationalsozialistischer Herrschaft waren in dem Lager mindestens 1,1 Millionen Menschen vergast, zu Tode geprügelt oder erschossen worden oder an Krankheiten und Hunger gestorben. Eine Million waren Juden.

foto: ap/sokolowski
Zeitzeugen sollen im Mittelpunkt stehen, Politiker nur am Rande sprechen.

Auschwitz-Häftlinge sprechen

Vor Staats- und Regierungschefs sowie Regierungsmitgliedern aus rund 40 Ländern werden drei ehemalige Auschwitz-Häftlinge stellvertretend für die rund 300 anwesenden Überlebenden das Wort ergreifen. Als einziger Politiker wird der polnische Staatspräsident Bronislaw Komorowski ein kurzes Grußwort sprechen.

Österreich ist durch Bundespräsident Heinz Fischer und Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) bei der Gedenkveranstaltung vertreten. Auch nehmen weitere Staatsgäste teil, darunter der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck, Frankreichs Staatschef François Hollande und der ukrainische Präsident Petro Poroschenko. Auch in Jerusalem, New York, Prag und anderen Städten wird am Dienstag an die Holocaust-Opfer erinnert.

Gauck: "Erinnerung bewahrt Mitmenschlichkeit"

Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck hat die Menschen in Deutschland vor einem Schlussstrich unter dem Holocaust gewarnt. "Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz", sagte er am Dienstag in einer Gedenkstunde des Deutschen Bundestages. "Die Erinnerung an den Holocaust bleibt eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben. Er gehört zur Geschichte dieses Landes", fügte er hinzu. Aus dem Erinnern ergebe sich ein Auftrag: "Er sagt uns: Schützt und bewahrt die Mitmenschlichkeit. Schützt und bewahrt die Rechte eines jeden Menschen."

Gaucks Mahnungen sind auch auch vor dem Hintergrund einer aktuellen Umfrage der Bertelsmann Stiftung zu sehen, der zufolge sich eine große Mehrheit der Deutschen nicht mehr mit dem Holocaust beschäftigen will. 81 Prozent möchten demnach die Geschichte der Judenverfolgung "hinter sich lassen". 58 Prozent wollen einen Schlussstrich ziehen.

foto: reuters/balogh
Polens Präsident Komorowski besucht mit Holocaust-Überlebenden Auschwitz.

Zeman: "Ich bin Jude"

Tschechiens Präsident Miloš Zeman erklärte beim internationalen Holocaust-Forum des European Jewish Congress in Prag seine Solidarität mit allen Verfolgten. "Ich bin ein Jude", sagte Zeman bei der Gedenkveranstaltung am Montagabend. Ungarns Regierungschef Viktor Orbán erklärte, er erkenne die Komplizenschaft seines Landes in Bezug auf den Holocaust an. "Wir waren ohne Liebe und unentschlossen, als wir hätten helfen sollen", sagte Orbán am Montag in Budapest. "Und sehr viele Ungarn haben sich zum schlechten Handeln entschlossen statt zum guten, zu beschämenden Aktionen statt zu ehrenwerten."

Frankreichs Präsident François Hollande im Gespräch mit jüdischen Jugendlichen und der älteren Generation, die einst deportiert wurde.

Als Soldaten der Roten Armee am 27. Jänner 1945 Auschwitz befreiten, fanden sie dort rund 7500 kranke und entkräftete Häftlinge, die die SS zurückgelassen hatte, als sie zehntausende Gefangene auf die Todesmärsche in den Westen zwang. Das Lager im Süden des besetzten Polen war das größte der NS-Vernichtungslager. Nach einem Beschluss der Uno-Staaten wird seit 2006 alljährlich am 27. Jänner der Opfer des Nationalsozialismus gedacht.

Merkel: "Miteinander in Menschlichkeit"

Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht eine "immerwährende Verantwortung" der Deutschen, die Erinnerung an die Gräueltaten der Nationalsozialisten wachzuhalten. Deutschland sei den vielen Millionen Opfern schuldig, nicht zu vergessen, sagte Merkel am Montag in Berlin anlässlich der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 70 Jahren.

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Angela Merkel spricht in Berlin anlässlich des Holocaust-Gedenktags.

EU-Kommissions-Vizepräsident Frans Timmermans hat vor Versuchen gewarnt, geschichtliche Tatsachen aus politischen Motiven zu verzerren. Die Kritik des niederländischen Ex-Premiers richtete sich gegen eine Aussage des polnischen Außenminister Grzegorz Schetyna, wonach Auschwitz nicht von russischen, sondern von ukrainischen Soldaten befreit worden sei.

Keine Debatte über Nationalitäten

Timmermans sagte bei einer Gedenkveranstaltung in Prag zum 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung durch die Rote Armee in einem Medieninterview, es wäre "schrecklich", eine Debatte darüber zu eröffnen, welcher exakten heutigen Nationalität die Befreier angehört hätten. Es sei eine historische Tatsache, dass es sich um Sowjetsoldaten gehandelt habe.

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Jener Einheit, die das Lager befreite, sei wegen ihres Standortes "Erste Ukrainische Front" benannt gewesen und nicht wegen ihrer ethnischen Zusammensetzung. Man müsse die Geschichte belassen, wie sie sei, und die aktuelle politische Lage in der Ukraine getrennt betrachten, plädierte Timmermans. Historische Genauigkeit sei besonders angesichts des erneut zunehmenden Antisemitismus in Europa "unerlässlich". Ähnlich äußerte sich der russische Präsident Wladmimir Putin: "Jegliche Versuche, die Ereignisse zu vertuschen und zu verzerren sowie die Geschichte umzuschreiben, sind inakzeptabel und unmoralisch", sagte er in einem jüdischen Museum in Moskau. Um die Einladungspolitik zum Auschwitz-Gedenken gab es einstweilen große Debatten.

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Jährlich schwindet die Anzahl der Überlebenden, die von den Gräueltaten im Vernichtungslager berichten können.

"Auschwitz fordert uns täglich heraus, unser Miteinander nach Maßstäben der Menschlichkeit zu gestalten", betonte die deutsche Kanzlerin. Merkel nannte es "eine Schande", dass in Deutschland heute Menschen angepöbelt, bedroht oder angegriffen würden, wenn sie sich als Juden zu erkennen geben oder sich etwa zu Israel bekennen. Dass Synagogen oder jüdische Einrichtungen unter Polizeischutz stehen, "lastet wie ein Makel auf unserem Land". Deshalb müsse Antisemitismus und jeder anderen Form von Menschenfeindlichkeit von Anfang an die Stirn geboten werden.

Indirekt wandte sich Merkel in ihrer Rede zum Auschwitz-Gedenken auch an Teilnehmer der Pegida-Demonstrationen. "Bei uns muss jeder, unabhängig von Religion und Herkunft, frei und sicher leben können", sagte Merkel. Es dürfe keine hasserfüllten Parolen gegen Menschen geben, die in Deutschland ein neues Zuhause gefunden haben.

Russlands Präsidialamtschef Sergej Iwanow warnte vor einem Erstarken des Neonazismus in Europa. Die Situation in manchen Ländern ähnele der Lage in den 1930er-Jahren, sagte Iwanow am Rande der zentralen Gedenkfeier am Dienstag in Polen. "Das ist eine alarmierende Tendenz."

Gedenken auch in Wien

Hunderte Menschen versammelten sich am Abend auf dem Wiener Heldenplatz. Politiker und Zeitzeugen erinnerten dabei nicht nur an das einstige Grauen. Auch vor aktuellen Bedrohungen wie religiös motivierten Hetzern wurde eindringlich gewarnt.

foto: apa/georg hochmuth

"Nach der Befreiung von Auschwitz wurden allmählich in der ganzen Welt die ungeheuerlichen Verbrechen des Nationalsozialismus bekannt", sagte die Widerstandskämpferin Irma Schwager. Ihre Generation habe die "Hölle des terroristischen Faschismus" selbst erlebt. Alle jene, die im Widerstand tätig gewesen seien, hätten einen entscheidenden Beitrag dafür geleistet, dass "wir heute in einem demokratischen Österreich leben können".

Es müsse jedoch weiterhin für Demokratie und Freiheit gekämpft werden, beteuerte sie. Das zeige etwa der ständig stärker werdende Jihadismus. Als jemand, der sich in Paris der Resistance angeschlossen habe, sei sie sehr beeindruckt gewesen, wie nach den jüngsten Attacke auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" in der französischen Hauptstadt demonstriert worden sei: "Denn Krieg und Terror lösen keine Probleme."

Gedenkstätte für Maly Trostinec

Waltraud Barton vom Verein IM-MER erinnerte in ihrer Rede an einen weiteren Schreckensort - das Vernichtungslager Maly Trostinec bei Minsk (Weißrussland). Dort seien mehr als 13.000 Wienerinnen und Wiener "sofort nach ihrer Ankunft" erschossen worden. Das jüngste Opfer sei sieben Wochen alt gewesen, das älteste 86. Sie ersuchte Stadt und Bund, die Schaffung einer Gedenkstätte auf dem Gelände des einstigen Lagers zu ermöglichen.

Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) sagte dies in seiner Rede zu. "Selbstverständlich" werde die Stadt dafür sorgen, dass es ein würdiges Grabmal dort gebe, versprach er. Häupl betonte, dass viele der heute am Heldenplatz versammelten zu jener Zeit noch nicht gelebt hätten. Jedoch: "Das entbindet uns nicht von der historischen Verantwortung für die Zukunft."

Auch im Parlament wurde der Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau vor 70 Jahren gedacht. "Die Verbrechen, die mit der Befreiung beendet wurden, bleiben in der europäischen Geschichte unvergessen", sagte Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ) in ihrer Eröffnungsrede.

Der Ex-Chefredakteur der "Jerusalem Post" Ari Rath, 1925 in Wien geborener Jude, der 1938 vor den Nazis nach Palästina flüchtete, berichtete bei dem Gedenken über seine Erfahrungen als Jugendlicher und die Konsequenzen, die er daraus gezogen hat. Im Anschluss an die Veranstaltung im Parlament wollte die zivilgesellschaftliche Plattform "Jetzt Zeichen Setzen" eine Gedenkveranstaltung vor dem Weiheraum des Äußeren Burgtores am Heldenplatz abhalten.

Empörung über FPÖ

Johannes Schwantner, Vorsitzender des Bundes Sozialdemokratischer Freiheitskämpfer/innen, Opfer des Faschismus und aktiver Antifaschist/innen, sagte unterdessen dem SPÖ-Pressedienst: "Die Tatsache, dass Antisemitismus und Rassismus nach wie vor grassieren, zeigt, dass wir umso stärker für unsere Werte wie Gerechtigkeit, Solidarität und Antifaschismus eintreten und Rassismus und Hetze entschlossen bekämpfen müssen." Zugleich übte Schwantner Kritik an der FPÖ: "Wir dürfen daher auch nicht schweigen, wenn ein Herr Strache zum wiederholten Mal mit widerlichen Nazi-Vergleichen auffällig wird." Die NS-Vergleiche der FPÖ seien ein "Schlag ins Gesicht" jener, die vom NS-Regime zu Tode gebracht wurden. (APA, 27.1.2015)

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