Aufstieg und Fall der Stadt Cantona

26. Jänner 2015, 22:32
8 Postings

Forscher nach Sedimentanalyse: Die Mittelamerikanische Siedlung war erst Profiteur, dann Opfer desselben Klimatrends

Mexiko-Stadt/Wien - Tenochtitlan, Machu Picchu oder Chichén Itzá, das sind klingende Namen. Aber Cantona? Dafür müsste die im mexikanischen Bundesstaat Puebla gelegene präkolumbische Ruinenstadt, deren Gründer unbekannt sind, erst genauer erforscht werden. Doch hielt sich die archäologische Erschließung bislang in Grenzen. Die Schätzungen gehen auseinander, ob in Cantona zehn oder gar erst ein Prozent dessen freigelegt wurde, was es in der aus Vulkangestein erbauten Festungsstadt zu entdecken gäbe.

Wichtiges regionales Zentrum

An Bedeutung mangelte es Cantona jedenfalls nicht. Während seiner Blütezeit vom 7. bis 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung gehörte es mit einer Bevölkerungszahl von etwa 90.000 zu den größten Städten Mittelamerikas. Das teilweise freigelegte Straßennetz und eine große Zahl von Ballspielplätzen zeugen noch heute vom regen urbanen Leben der damaligen Zeit. Zu Beginn des zweiten Jahrtausends wurde die Stadt jedoch - wie so viele andere in der Region - aufgegeben. Die Gründe dafür stellten Historiker lange Zeit vor ein Rätsel.

In der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "PNAS" berichtet ein Team von Forschern um Tripti Bhattacharya von der University of California, wie es zum Schluss gelangte, dass letztlich ökologische Faktoren das Schicksal der Stadt bestimmt haben. Die Wissenschafter untersuchten Sedimentablagerungen in einem nahe Cantona gelegenen vulkanischen See. Isotopenanalysen der Sedimente wiesen auf eine Periode zunehmender Dürre vom 6. bis zum 12. Jahrhundert hin, Teil eines langfristigen Trends zu mehr Trockenheit in der Region.

Zusammenspiel von Umwelt und Politik

Der Zusammenhang ist für Archäologen nichts Neues: Dürren lösen Hungersnöte aus, auf diese folgen Unruhen und schließlich Kriege. Bhattacharya spricht von einem komplexen Zusammenspiel ökologischer und politischer Faktoren, das den Niedergang dieser Kultur bewirkte.

Spannend am Fall Cantona ist jedoch, dass die Stadt erst nach dem Einsetzen der Trockenperiode ihre Blütezeit erlebte. Dieses Paradoxon erklären sich die Forscher so: Als die Bedingungen in der Region schlechter wurden, bot die befestigte und vergleichsweise isoliert gelegene Stadt Sicherheit, ihre Bevölkerung wuchs.

Zu Cantonas Pech folgten auf die schlechten Zeiten jedoch keine besseren, sondern noch schlechtere. Bis die Widrigkeiten, gegen die auch ein Ausbau der Befestigungsanlagen langfristig nicht half, schließlich zuviel wurden. So besiegelte derselbe Klimatrend, der der Stadt ihren Aufschwung ermöglicht hatte, letztlich auch ihren Untergang. (jdo, DER STANDARD, 27.1.2015)

  • Blick auf die sogenannte Akropolis von Cantona: Die zwölf Quadratkilometer große Ruinenstadt ist noch weitgehend unerschlossen.
    foto: dea / united archives / picturedesk.com

    Blick auf die sogenannte Akropolis von Cantona: Die zwölf Quadratkilometer große Ruinenstadt ist noch weitgehend unerschlossen.

Share if you care.