Flickwerk statt eines großen Haircuts

27. Jänner 2015, 07:00
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Die siegreiche Syriza will die Schuldenlast Griechenlands deutlich senken. Droht damit ein offener Konflikt zwischen Athen und dem Rest der Eurozone? Nicht unbedingt, sagen Ökonomen. Es gibt eine gesichtswahrende Lösung für beide Seiten

Seit Beginn der Eurokrise sind Wahlen in Europa die große Stunde der Hobbypolitologen in den Banken. Schon bei den Urnengängen 2011 in Spanien und 2013 in Italien versuchten die Kreditinstitute mit originellen Einschätzungen zur politischen Großwetterlage zu glänzen.

Das war am Montag nach der Griechenlandwahl nicht anders. Dutzende Banken versandten Analysepapiere darüber, welche Optionen nun die Syriza hat und wie die Eurozone auf den neuen Partner in Athen reagieren wird. Der Ton der Berichte war durchwegs negativ. Raiffeisen in Wien rechnet ebenso wie Barclays in London damit, dass Europa eine turbulente Zeit bevorsteht. Barclays spricht von einem "bumpy ride". Zumindest die Commerzbank in Frankfurt ist etwas entspannter. Mit 75 Prozent Wahrscheinlichkeit werde sich "Griechenland mit seinen Geberländer nach nervenaufreibenden Verhandlungen einigen und einen Austritt des Landes aus der Währungsunion (Grexit) vermeiden". Banker lieben eben Zahlen.

Aber auch abseits solcher Rechenspiele ist die zentrale Frage in den kommenden Wochen, welchen Spielraum die Eurozone und die neue griechische Regierung für eine Einigung haben. Syriza ist im Wahlkampf mit der Forderung angetreten, dass die Schuldenlast des Landes deutlich gesenkt werden müsse. Die Partei fordert dafür eine internationale Gläubigerkonferenz. Aber was sind die Optionen auf dem Tisch? Zunächst zur Ausgangslage:

  • Griechenland ist ohne Frage heillos überschuldet. Unter den Industrieländern hat laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) nur Japan noch höhere Verbindlichkeiten. Insgesamt schuldet Griechenland seinen Gläubigern etwas mehr als 322 Milliarden Euro. Das entspricht der Wirtschaftsleistung Österreichs.
  • 2010 stand das Land, wie international üblich, vor allem bei Banken, Versicherungen und Pensionsfonds in der Kreide. Die größten Geldgeber des Staates waren französische und deutsche Kreditinstitute. Mehrere Rettungspakete später hat sich das grundlegend geändert. Vier Fünftel der griechischen Staatsanleihen werden heute von den übrigen Euroländern, dem IWF oder der Europäischen Zentralbank gehalten. Ein Großteil der verbliebenen privaten Darlehen wurde nach englischem Recht vergeben, was diese Gläubiger besonders schützt.

Damit ist klar, dass eine rasche und unkomplizierte Reduktion der griechischen Schuldenlast nur erzielt werden kann, wenn die öffentlichen Gläubiger auf ihre Forderungen gegen Athen verzichten. Steuerzahler müssten also auch in Österreich eine Extrarechnung schultern. Die Republik hat Griechenland 2010 immerhin 1,55 Mrd. Euro geborgt.

Ein Schuldenschnitt wäre im Sinne des IWF: Der Währungsfonds argumentiert seit Jahren, dass Griechenlands Last untragbar ist. In einem im Jänner 2013 erschienenen Papier steht etwa, dass ein 25-prozentiger Forderungsverzicht der Euroländer und des Eurorettungsschirms notwendig sein könnte. Bemerkung am Rande: Der IWF nimmt an solchen Haircuts traditionell nie teil.

Doch außerhalb des Fonds scheint kaum eine Regierung zu solch weitreichenden Schritten bereit. Ist damit ein offener Konflikt zwischen Hellas und dem Rest der Eurozone programmiert? Nicht unbedingt. Das Brüsseler Forschungsinstitut Bruegel publizierte vor kurzem eine Berechnung, wonach sich Athen und seine Gläubiger auf halbem Weg treffen könnten. Das geht so:

  • Die griechische Schuldenlast ist nicht per se das Problem. Die wichtige Frage ist, wie hoch die laufenden Zinszahlungen der Regierung sind. Wenn Griechenland viel für Zinsen ausgibt, fehlt Geld für Straßen und Investitionen. Im internationalen Vergleich sind die Kreditkosten für Athen dank der Hilfen der Euroländer niedrig.
    Laut dem Bruegel-Ökonomen Zsolt Darvas könnten sie aber weiter gesenkt werden. Auf die bilateralen Kredite der Eurozone muss Griechenland einen Aufschlag zu einem Basissatz (der dem Euribor entspricht) von 50 Basispunkten berappen. Dieser Aufschlag könnte wegfallen. Die Laufzeit der Darlehen ist bereits lang – etwa 30 Jahre bei den Darlehen des Rettungsschirms –, die Laufzeit der Kredite könnte aber noch einmal um zehn Jahre gestreckt werden. Alles zusammen würde Griechenland sich in den kommenden 35 Jahren Schuldenrückzahlungen in Höhe von fast einem Fünftel seiner Wirtschaftsleistung ersparen. Gekoppelt mit höheren Investments aus einem Programm der EU-Kommission hätte die Eurozone also Athen durchaus etwas anzubieten. (derStandard.at, 27.1.2015)
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