Martin van Meytens: Porträtkunst mit Ausflügen ins Frivole

26. Jänner 2015, 17:39
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Dem Hofporträtisten Kaiserin Maria Theresias ist derzeit eine erste Einzelausstellung im neu adaptierten Winterpalais des Belvedere in der Wiener Innenstadt gewidmet

Wien - Wo sollen wir nun Herrn Meytens hinstellen, fragte ein Nachruf zu dem im Frühjahr 1770 verstorbenen Künstler, der als Porträtist Kaiserin Maria Theresias und ihrer Entourage in die Geschichte einging. In der Frage der Nationalität oder der Zugehörigkeit zu einer künstlerischen Schule wäre eine Antwort laut Experten unzureichend. Wiewohl holländischen Ursprungs, wurde Martin van Meytens 1695 in Stockholm geboren, unternahm ab 1714 zahlreiche Studienreisen, um 1731 endgültig in Wien sesshaft zu werden.

Dort, wo ihm das Belvedere seit Oktober die erste Einzelausstellung überhaupt widmet, deren Laufzeit nun um eine Woche verlängert wurde (bis 15. 2.; bisher 19.000 Besucher). 60 Exponate hat Kurator Georg Lechner versammelt: Leihgaben aus Sammlungen (u. a. Budapest, Stockholm, Stuttgart), garniert mit Büsten des von Meytens geförderten Franz Xaver Messerschmidts, Arbeiten der wichtigsten Schüler (Joseph Hickel) oder Radierungen, die verschollene Werke dokumentieren.

In neun räumlichen wie thematischen Sequenzen lässt man Meytens Schaffen Revue passieren, das motivisch nur Porträts umfasst. Auch im Falle des Abbilds eines Nonnenpopos: auf einer beidseitig bemalten Kupfertafel, die dank des hochgerafften Ordenskleids den Blick auf das pralle Hinterteil gewährt. Die Vorderseite zeigt die Gottesbraut im Gebet, beobachtet von einer nicht zweifelsfrei als Mann identifizierbaren Gestalt durch eine vergitterte Fensteröffnung im Hintergrund.

Analogien zu solchen Verknüpfungen von Sinnlichem mit Sakralem finden sich auch in der erotischen französischen Literatur des 17. Jahrhunderts. Das Kleinformat, das 2006 über eine Auktion für rund 60.000 Euro in den Bestand des Nationalmuseums Stockholm wechselte, befand sich einst in der Kollektion des Grafen Carl Gustav von Tessin. Das Bild sei in einem kleinen Raum innerhalb dessen Schlafzimmers gehangen, den der Graf - na denn - zur Toilette benutzte. Meytens schuf dieses Werk um 1731, zu jener Zeit, als er den Avancen König Frederik I. in Schweden zu bleiben widerstand und sich in Wien niederließ. Im Jahr darauf folgte die Ernennung zum kaiserlichen Kammermaler und begann die Tätigkeit als Porträtist der Habsburger und des Hochadels.

Ein spezifischer Stil ist auf den ersten Blick kaum fassbar, generierte sich eher aus mehreren Quellen: Die französische Porträtmalerei beeinflusste ihn ebenso, wie er die Präzision der Miniaturmalerei perfektionierte. Dazu beschäftigte Meytens in seiner Werkstatt spezialisierte Kollegen, etwa Sophonias de Derichs, dem er das Malen der Spitzen und Gewänder überließ, andernfalls er wohl sonst "in zehn Jahren nicht fertig geworden seyn", wie ein Zeitgenosse berichtete.

Machtdemonstration

Die zahlreichen Bildnisse Maria Theresias und ihrer Familie nährten Meytens Ruhm, beginnend mit der jungen Erzherzogin (Mitte 1730er-Jahre) oder als Braut Franz Stephan von Lothringens (1736/40), über ihren Ritt auf den ungarischen Krönungshügel (1741) bis zur bekanntesten Darstellung als "König" von Ungarn. König statt Königin? Ein rechtliches Mittel, um sie als ungarische Herrscherin zu inthronisieren.

Das bekannteste dieser Porträts schuf Meytens 1759 im Auftrag der Akademie der bildenden Künste, zu deren Rektor er im gleichen Jahr ernannt worden war. Wie in den Familienbildnissen, die eine über die Jahre wachsende Kinderschar dokumentieren, die wiederum die Dauerhaftigkeit der Habsburg-Lothringer-Dynastie symbolisieren, zeugen die Einzelporträts von der Macht dieser Herrscherin - weniger symbolisch als der 16-fachen Mutterschaft geschuldet, auch über die imposante Körperfülle. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD, 27.1.2015)

  • Um 1731 schuf Martin van Meytens dieses doppelseitig bemalte Bild: Die Vorderseite zeigt die Nonne betend, ...
    foto: nationalmuseum stockholm

    Um 1731 schuf Martin van Meytens dieses doppelseitig bemalte Bild: Die Vorderseite zeigt die Nonne betend, ...

  • .... die Rückseite ihren prallen Popo.
    foto: nationalmuseum stockholm

    .... die Rückseite ihren prallen Popo.

  • Im Vergleich zu den zahlreichen Bildnissen Maria Theresias als Herrscherin, gibt es nur wenige Porträts als Erzherzogin, wie dieses Mitte der 1730er Jahre von Meytens gemalte.
    foto: privatsammlung budapest

    Im Vergleich zu den zahlreichen Bildnissen Maria Theresias als Herrscherin, gibt es nur wenige Porträts als Erzherzogin, wie dieses Mitte der 1730er Jahre von Meytens gemalte.

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