Bettencourt-Prozess: Kleine Geschenke am Hof der Milliardärin

26. Jänner 2015, 17:27
9 Postings

Die Bettencourt-Affäre hält Frankreich seit Jahren in Atem. Nun startet der Prozess. Ein Name fehlt unter den Angeklagten: Nicolas Sarkozy. Dessen Kampagnenleiter muss sich aber verantworten

Die Saga der Bettencourts, eine sehr reale Mischung aus Balzac-Roman und TV-Serie, bleibt bis zum Schluss dramatisch: Ein 64-jähriger Krankenpfleger versuchte sich am Vorabend des Prozessbeginns in einem Pariser Wald zu erhängen. Wie neun andere Angeklagte soll er die Schwäche der 92-jährigen Milliardärin Liliane Bettencourt für finanzielle Vorteile ausgenützt haben.

Zigtausend Euro bar gezahlt

Der Monsterprozess begann am Montagmorgen in Bordeaux trotz des Selbstmordversuchs. Der Krankenpfleger war nur eine Nebenfigur. Der prominenteste Angeklagte ist Eric Woerth, einst Kampagnenchef und Budgetminister des früheren - und potenziell nächsten - Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy. Woerth soll in oder außerhalb der Bettencourt-Villa im Pariser Nobelvorort Neuilly - wo Sarkozy Bürgermeister war - zwischen 50.000 und 150.000 Euro in bar erhalten haben. Das behauptet Claire Thibout, die frühere Buchhalterin der L' Oréal-Erbin, die das Geld in einer Bankfiliale abgehoben hatte.

Gegen Thibout wird seit Ende 2014 wegen Falschaussage ermittelt. Ihr Anwalt räumt ein, sie habe ein paar Termindaten "verwechselt". Sie bekräftige aber ihre Kernaussage, dass Bettencourts Vermögensverwalter Patrice de Maistre das Geld Woerth ausgehändigt habe.

Wenn Woerth aber das Geld vor der Präsidentschaftswahl 2007 wirklich von Patrice de Maistre erhalten hat, kann der Nutznießer nur sein Vorgesetzter gewesen sein. Das Boulevardblatt Le Parisien fragte am Montag unumwunden: "Warum steht Nicolas Sarkozy nicht vor Gericht?" Die Antwort liegt zweifellos in dem Mangel an Beweisen. Das könnte auch Woerth retten. Sarkozy, der sich mit seiner Wiederwahl zum Chef der UMP unlängst in Stellung für den Präsidentschaftswahlkampf 2017 gebracht hat, hätte damit einen gerichtlichen Mühlstein weniger um seinen Hals.

Abgesehen von diesem politischen Aspekt wirft der Prozess ein Schlaglicht auf die Sitten im gehobenen Tout-Paris. Auslöser der Affäre war 2007 ein Mutter-Tochter-Konflikt gewesen: Einzelkind Françoise warf Mutter Liliane vor, sie lasse sich von ihrem privaten Hofstaat regelrecht ausnehmen. Ein - natürlich umstrittenes - Gericht stellte die teilweise "Demenz" der reichsten Französin fest - und entmündigte sie zugunsten ihrer Tochter.

Die Bibelforscherin Françoise leitet damit den Familienanteil von 33,3 Prozent am Kosmetikkonzern L'Oréal (Umsatz 23 Milliarden Euro).

"Ausnützung der Schwäche"

Liliane und Françoise haben sich mittlerweile versöhnt, doch die Staatsanwaltschaft ermittelte weiter wegen "Ausnützung der Schwäche". Sie fand heraus, dass der Gigolo der alten Dame, François-Marie Banier, Originalgemälde von Matisse und Kandinsky, Manuskripte von Rimbaud und Molière, dazu Stilmöbel und Lebensversicherungen im Wert von 435 Millionen Euro von ihr erhalten hatte. Dieser Handwechsel sei Ausfluss eines "künstlerischen Austausches" gewesen, beteuert sein Anwalt, laut dem Barnier ein richtiger Schriftsteller und Fotograf sei, schieße er doch "30.000 Bilder pro Jahr".

Barnier erschien in Bordeaux mit seinem Lebenspartner Martin d'Orgeval, der von Lilianes Geldsegen ebenfalls profitiert haben soll. Neben ihnen nahm Vermögensverwalter de Maistre Platz; laut der Tonbandaufnahme eines Butlers bat er die L'Oréal-Erbin einmal um ein "Geschenk" zwecks Kaufs seiner "Traumjacht". Liliane Bettencourt muss an dem Prozess nicht teilnehmen. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 27.1.2015)

  • Die Tochter von Liliane Bettencourt, Françoise, war beim Prozessauftakt in Bordeaux anwesend. Sie hat sich nach einem tiefgreifenden Streit wieder mit ihrer Mutter ausgesöhnt.
    foto: epa/caroline blumberg

    Die Tochter von Liliane Bettencourt, Françoise, war beim Prozessauftakt in Bordeaux anwesend. Sie hat sich nach einem tiefgreifenden Streit wieder mit ihrer Mutter ausgesöhnt.

Share if you care.