Auf den Jubel folgen die taktischen Entscheidungen

26. Jänner 2015, 18:03
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Die Linke in Griechenland, die bisher nie wirklich regiert hat, versucht sich jetzt nach ihrem großen Sieg aufzustellen

Aus den Lautsprechern schmettert wieder einmal Bella Ciao, das italienische Partisanenlied, und Alexis Tsipras sitzt auch schon in seiner Limousine und fährt davon in die Nacht, begleitet von Polizisten auf Motorrädern. Die Anhänger, die seiner Siegesrede vor dem prachtvoll beleuchteten Aufgang zur Universität von Athen lauschten, zerstreuen sich schnell. Viele junge Griechen sind dabei, aber auch die Altlinken aus der Zeit der Militärjunta. "Wenn man jahrzehntelang auf so einen Moment hinarbeitet und wartet, und plötzlich ist er da, dann ist das fast schon eine persönliche Angelegenheit", sagt eine Weggefährtin von Tsipras, die sich mittlerweile aus der Politik zurückgezogen hat.

Nach historischen Vergleichen wird nun gesucht, um einzuordnen, was am Sonntag im Land geschehen ist: Der Sieg von Andreas Papandreou 1981 wird genannt, des Gründers der Pasok, die nun am Boden liegt. Oder 1989, das "schmutzige Jahr", als Papandreous Regierungszeit in Skandalen untergeht und Konservative und die reformistische Linke, später auch die Kommunisten, kurz zwei Übergangskabinette bilden.

Yiannis Dragasakis war damals dabei. Das damalige ZK-Mitglied der kommunistischen Partei wurde für einige Monate stellvertretender Wirtschaftsminister. Heute ist er der finanzpolitische Vordenker von Syriza und Tsipras' wichtigster Berater.

Eloquenter Kritiker

Der 68-jährige Dragasakis könnte nun Finanzminister werden. Aber auch Yiannis Varoufakis kommt infrage, ebenfalls Wirtschaftsprofessor und seit Jahren einer der aktivsten und eloquentesten Kritiker des Sparprogramms, das die EU und der Internationale Währungsfonds über Griechenland verhängt haben. Die Ökonomen Euklid Tsakalotos und Giorgos Stathakis werden ebenfalls als Anwärter auf Ministerposten genannt.

Tsipras' neue Regierung steht im Parlament gleich vor einer Herausforderung: Ein neuer Staatspräsident muss gewählt werden, denn das Mandat von Karolos Papoulias läuft Ende Februar aus. Die erste Abstimmungsrunde ist für den 6. Februar angesetzt, und dieses Mal sind die Anforderungen niedriger als im Dezember. 180 Stimmen für den Kandidaten in der ersten Runde, 151 in der zweiten und eine nur relative Mehrheit nötigenfalls in einem dritten Wahlgang. Tsipras hatte im Vormonat die Wahl blockiert und damit die nach der Verfassung vorgeschriebene Auflösung des Parlaments und Neuwahlen erzwungen.

Jetzt sind die Karten neu gemischt. Die Gerüchte halten sich, Syriza werde einen Präsidentenkandidaten von der konservativen Nea Dimokratia vorschlagen. Dies könnte der jetzige EU-Kommissar Dimitris Avramopoulos sein. Seine Wahl wäre zum einen ein Angebot der Linken an die Konservativen zum Schulterschluss bei den angestrebten Neuverhandlungen mit den Kreditgebern; zum anderen könnte Syriza gleich einen eigenen Kommissar in Brüssel als Nachfolger von Avramopoulos platzieren. (Markus Bernath aus Athen, DER STANDARD, 27.1.2015)

  • Ministrabel:  Yiannis Dragasakis...
    foto: crc

    Ministrabel: Yiannis Dragasakis...

  • ...und Yiannis Varoufakis.
    foto: bernath

    ...und Yiannis Varoufakis.

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