Als die Fraktionsbildung noch Schulgegenstand war

26. Jänner 2015, 17:12
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Allzu brav: "Die schmutzigen Hände" in St. Pölten

St. Pölten - Von fern her tönt der Lärm von Kriegsgerät. Weil permanenter Kampf die Menschen moralisch ruiniert, stehen auf der Bühne des Landestheaters Niederösterreich graue Stellwände (Bühne: Raimund Orfeo Voigt) herum. Ein Spülbecken ziert die karge Einrichtung. Alles antreten zum Händewaschen! Aber Revolutionen sind ja auch "kein Gastmahl, kein Aufsatzschreiben, kein Bildermalen, kein Deckchensticken" (Mao Tse-Tung). Der einzige Hoffnungsschimmer, der durch die Mauerlöcher fällt, rührt von Explosionen her. Gezündet werden sie von Kommunisten.

Jean-Paul Sartres Die schmutzigen Hände spielt im Zwergstaat Illyrien, irgendwann in den frühen 1940ern. Die Bomben, die draußen hochgehen, stammen vom Feind im Inneren. Sartre, der verdiente Kardinal Richelieu der existenzialistischen Bewegung, wollte 1948 noch einmal die Moralfrage diskutiert wissen. Nicht was er erzählt, ist wichtig: Kommunistische Aktivisten müssen darauf gefasst sein, die jeweils gültige Parteilinie zu vertreten, auch wenn diese der eigenen Auffassung widerspricht.

Das "Wie" ist von entscheidender Bedeutung. Sartre beschert dem bourgeoisen Jungrevolutionär Hugo (Pascal Groß) ein Wechselbad der Gefühle. Der junge Mann mit den fieberglänzenden Augen will dem Parteiidol Hoederer (Juergen Maurer) aus freien Stücken eine Kugel verpassen. Die Rote Armee steht vor der Tür. Hoederer verrät angeblich die Parteilinie, da er sich im Staatsinteresse mit dem Klassenfeind aussöhnen möchte. Maurers Rollengestaltung atmet tatsächlich den Geist des Pragmatismus. Er ist grundsympathisch, besänftigt den jungen Stur- und Feuerkopf und treibt seine Freundlichkeit sogar so weit, dass er sich der schönen jungen Frau seines Sekretärs (Swintha Gersthofer) annimmt.

Die Inszenierung Maaike van Langens kann sich nicht entscheiden: Soll sie Sartres Thesen diskutieren, oder möchte sie vor ideologischer Verblendung im Allgemeinen warnen? Das Ensemble spielt, wie man so sagt, aufopferungsvoll. Die Aufführung sollte für aufgeweckte Politikunterrichtsklassen ein gefundenes Fressen sein, demnächst auch im Stadttheater Baden. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 27.1.2015)

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