"The Notebook": Wie die Menschlichkeit verschwindet

26. Jänner 2015, 17:01
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Aus Ágota Kristófs Roman "Das große Heft" hat die britische Performance-Gruppe Forced Entertainment ein hervorragendes Bühnenstück gemacht. Es ist nun im Wiener Theater Brut zu erleben

Brüssel - Zwei reifere Herren in identischen grauen Anzügen, mit Brillen auf den Nasen. Sie gleichen einander nicht wie Zwillinge, aber die Art ihrer Ähnlichkeit erlaubt es ihnen, ein Zwillingspaar darzustellen: die Brüder aus Ágota Kristófs Roman Das große Heft, der 1986 in französischer Sprache unter dem Titel Le grand cahier erschienen ist.

Dessen Stoff hat sich die brillante britische Theaterperformancegruppe Forced Entertainment im Vorjahr zu ihrem 30. Geburtstag geschenkt. Unter dem Titel The Notebook ist ihr Stück jetzt ab Donnerstag im Brut-Theater Künstlerhaus zu sehen. Die Geschichte der beiden namenlosen Neunjährigen und ihres Hefts handelt von einem der härtesten philosophischen Problemfelder überhaupt: Unter welchen Bedingungen geben Menschen ihre Menschlichkeit auf? Welche Methoden wenden sie dafür an, und wie stellt sich dem, der das Menschliche aufgeben hat, die Welt dar?

Anders als in der Verfilmung des Romans durch den Ungarn János Szász vor zwei Jahren wird in Forced Entertainments Performance eine Distanzhaltung gegenüber den Romanfiguren installiert und konsequent durchgezogen. Die beiden Schauspieler Robin Arthur und Richard Lowdon sehen aus wie unscheinbare kleine Bürokraten. Sie tragen je ein gelb-braunes Heft in der Hand, aus dem sie abwechselnd lesen.

Die Holzfläche, die für zwei Stunden ihr Aktionsfeld und im Sinn der Erzählung "die Bretter der Welt" darstellt, teilen sie lediglich mit zwei Sesseln. Aus dieser Inszenierung werden die Bilder der Geschichte mit Worten in die Köpfe des Publikums projiziert. Es sind in Sprache kodierte und umgewandelte und daher mittelbare Bilder. Das passt sie jeder individuellen Vorstellung an, dämpft sie aber auch deutlich ab. So bleibt im Erleben des Stücks ein Reflexionsraum erhalten, den das emotional an- und untergriffige Kino seinem Publikum mitunter auch vorenthalten kann.

Insofern sind Forced Entertainment und Regisseur Tim Etchells näher an Kristófs Buch als an Szászs Laufbildern. Das passt perfekt, denn in Das große Heft geht es um innere Distanzierung als Selbstschutzstrategie. Die Zwillinge erleben den Krieg, die Bomben, die Flucht mit der Mutter, die lieblose Brutalität ihrer Oma auf dem Land, die Härten der Armut, der Destabilisierung des Soziallebens und totalitärer Politik, die von einer anderen totalitären Politik abgelöst wird. Sie erleben die Abwesenheit aller Zuwendung, und sie erziehen sich selbst um.

Die dieser gnadenlosen Selbstdisziplinierung adäquate Sprache ist ein Realismus, aus dem alle kommentierende Subjektivität verbannt wird. In dieser Sprache schreiben die Brüder ihre Erlebnisse nieder. Zunächst auf Notizzettel. Erst wenn eine Geschichte "objektiv" genug ist, übertragen die Zwillinge sie in ihr Heft.

Auch Arthur und Lowdon bleiben "objektiv". Was Regisseur Etchells aber sichtlich nicht wollte, ist die Darstellung erstarrter, ausdruckslos mechanischer Monstren. Das entspricht der Wirklichkeit des Romans. Denn da schält sich aus der Entwöhnung vom Menschlichen eine zweite Art von sozialer Zuwendung, die auch zwischen Recht und Unrecht unterscheidet, aber nur auf der Ebene von Grundsatzentscheidungen funktioniert.

So retten die Zwillinge die Leben von ihrer Nachbarin und deren Tochter. Sie beginnen ihre Großmutter zu schätzen und auch den Offizier, der sich von ihnen auspeitschen lässt. Doch die feindselige Umwelt ist nur eine Bühne, auf der sie wie ein Schauspieler mit zwei perfekt aufeinander abgestimmten Körpern agieren. So halten sie Misshandlungen, Kälte und Folter aus. So fleddern sie eine Leiche, und so töten sie auch. Ob sie aber ihre Trennung, die sie am Ende der Erzählung erzwingen, überstehen, das bleibt offen.

Krieg im Frieden

Dass wir uns im Alltagsleben verstellen - auch dann, wenn wir uns "authentisch" fühlen - wird als normal empfunden. Es gilt auch als normal, dass sich auf dieser Verstellung mit dem Theater eine ganze Kunstform aufgebaut hat. Doch wissen wir wirklich, wer sich im Alltag wann und warum wie sehr verstellt? Das sind die Fragen, die sich hinter der Geschichte vom großen Heft stellen.

Krieg ist immer. Auch im Frieden. Im harmonischen Heim, in der vermeintlichen Liebe und im sozialen Alltag. Schnell wird da ein Mensch symbolisch hingerichtet, gemobbt oder verleumdet. Im Krieg passiert eigentlich nichts außer der Verstärkung des sozialen Gifts, in dem alle täglich waten und atmen. Deswegen macht die Sprache in The Notebook das Geschehen so schnell vertraut. Und das Publikum spürt diese Nähe zur Wirklichkeit. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 27.1.2015)

Von 29. bis 31. Jänner. Besprechung einer Aufführung im Brüsseler Kaaitheater auf Einladung durch das Brut-Theater.

  • Im kargen Raum stauen sich große Fragen nach dem Humanen im Menschen auf: Robin Arthur und Richard Lowdon geben ab Donnerstag, dem 29. 1., im Wiener Brut Ágota Kristófs "The Notebook".
    foto: brut / hugo glenndinnig

    Im kargen Raum stauen sich große Fragen nach dem Humanen im Menschen auf: Robin Arthur und Richard Lowdon geben ab Donnerstag, dem 29. 1., im Wiener Brut Ágota Kristófs "The Notebook".

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