"Venus in Furs": Identifikation mit dem Aggressor

26. Jänner 2015, 17:09
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Jean Genets "Die Zofen", inszeniert vom Theater Wagabunt im TiK in Dornbirn

Da sitzen zwei Mädels in ihrem Cosplay und Lamettaperücke in einer Plüschlandschaft bei Kette, Dildo, Peitsche und Sekt: Club Bizarr. Die beiden sind Dienerinnen und hassen ihre Herrschaft. Sie würden selbst gern Herrschaft sein. Wir befinden uns hier in Jean Genets Die Zofen, inszeniert vom Theater Wagabunt als Venus in Furs (Regie: Stephan Kasimir).

Im grellen 1980er-Jahre-Stil, in schreiend komischen Bildern hat Caro Stark das Stück eingerichtet. Die beiden Darsteller Robert Kahr und Wolfgang Pevestorf sind auch bald einmal sechzig, und sie tragen ihren Crossdress, die Netzstrümpfe, die Glitzerwimperntusche etc. mit großer Würde und Selbstverständlichkeit.

Das lustige Bild steht in deutlichem Gegensatz zu dem tragischen Thema des Stücks, das so eine Art Stockholm-Syndrom für die Bühne vorstellt. Ob das jetzt im bürgerlichen Boudoir spielt wie im Original bei Genet oder wie hier im Sado-Maso-Club, macht da keinen großen Unterschied. Aber was tief berührt, ist diese penetrante Unterwürfigkeit der beiden Sklavinnen. Die Schwestern leiden unter den täglichen Demütigungen und demütigen die Herrschaft ihrerseits, aber eben nur im Rollenspiel.

Im Hinterkopf Mordgedanken, von Angesicht zu Angesicht mit der "Herrin und Meisterin" (Stimme Dorrit Aniuchi), aber bis zur Selbstaufgabe devot. Die Schwestern sind dumm, alles misslingt ihnen, selbst die Rollenspiele. Sie bleiben elend gefangen in ihrer Abhängigkeit, die Vögel fliegen auch dann nicht davon, wenn der Käfig offen steht.

Die Zofen sind ein Gefängnisstück, der Autor konnte da aus Erfahrung schreiben. Vor diesem Hintergrund ist es nur folgerichtig, dass die beiden Dienerinnen mit Männern besetzt wurden, das Gefängnis des Jean Genet war schließlich eine Männerwelt. (mh, DER STANDARD, 27.1.2015)

TiK Dornbirn, 0664/973 03 16.

6.2.; 20.00, 8.2.; 18.00

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