"Für viele linke Griechen ist diese Koalition ein Albtraum"

Interview26. Jänner 2015, 17:12
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Die griechische Politikwissenschafterin Zoe Lefkofridi erklärt, warum die unorthodoxe Koalition kaum jemanden in Griechenland überrascht hat

STANDARD: Auf den ersten Blick scheinen die linke Syriza und die rechtspopulistischen "Unabhängigen Griechen" (Anexartiti Ellines, kurz: Anel) ideologisch einigermaßen konträre Positionen zu vertreten. Was verbindet die beiden neuen Regierungsparteien Griechenlands?

Lefkofridi: In erster Linie ihre sehr klare Linie gegen das Memorandum und die Austeritätspolitik. Im Grunde haben sie schon im Wahlkampf eine Art gemeinsames Lager gebildet, wo sich ihre Opposition zu den Bedingungen des Memorandums und dem Sparkurs als wichtiger erwiesen hat als das Links-rechts-Schema. Syriza hat vor der Wahl immer betont, dass sie auch im Fall einer absoluten Mehrheit mit anderen Parteien kooperieren will. Dass es Anel wird, hat in Griechenland niemanden überrascht. Mit Panos Kammenos verbindet Alexis Tsipras ein sehr gutes persönliches Verhältnis, beide haben jüngst öffentlich betont, dass sie trotz ihrer großes ideologischen Unterschiede gut miteinander können. Für viele Linke in Griechenland ist dieser Koalitionspartner aber ein Albtraum.

STANDARD: Welche Kompromisse wird Syriza in der Koalition eingehen müssen?

Lefkofridi: Sicherlich weniger als mit anderen Partnern. Die Knackpunkte in der Koalition sind das Verhältnis von Kirche und Staat, das Anel nicht antasten will, und die Außenpolitik, wo Anel etwa in Bezug auf Mazedonien im Gegensatz zu Syriza nationalistisch argumentiert. Ansonsten hat Syriza aber relativ viel Spielraum.

STANDARD: Was verspricht sich Anel-Chef Kammenos von der Koalition?

Lefkofridi: In erster Linie will er Syriza dabei unterstützen, das Memorandum zu beenden. Kammenos selbst könnte Berichten zufolge Minister für Schifffahrt werden, der in Griechenland aufgrund der großen und einflussreichen Reedereien traditionell sehr mächtig ist. Während seiner Zeit bei der konservativen Nea Dimokratia (ND) war Kammenos schon einmal Vizeminister. Genau dieser Punkt könnte sehr heikel werden.

STANDARD: Haben die Faschisten von der "Goldenen Morgenröte" mit knapp sechs Prozent ihren Zenit schon überschritten?

Lefkofridi: Im Vergleich zu den beiden vergangenen Wahlen hat die "Goldene Morgenröte" leicht verloren. Wenn man aber bedenkt, dass die Parteispitze im Gefängnis sitzt und den Wahlkampf von dort aus organisiert hat, ist das Ergebnis noch sehr beachtlich. In ihren Hochburgen in Athen hat die Partei ein paar Prozentpunkte verloren, im wirtschaftlich ärmeren Nordgriechenland aber zum Teil große Erfolge gefeiert.

STANDARD: Warum wird die ehemalige sozialdemokratische Staatspartei Pasok vom Wähler so aufgerieben, während ihr langjähriger konservativer Konterpart ND immerhin fast 28 Prozent einfährt?

Lefkofridi: Einerseits ist es der ND – auch durch das Heraufbeschwören des Schreckgespensts Syriza – bisher viel besser gelungen, die Partei geeint zu halten, auch wenn etwa Anel ursprünglich eine Abspaltung von ND-Abgeordneten war. Diesmal hat ihre Angstrhetorik aber nicht funktioniert. Andererseits zieht die Austeritätspolitik natürlicherweise größere Konsequenzen für eine sozialdemokratische Partei nach sich als für eine konservative Partei. Innerhalb von Pasok hat sich ein großer ideologischer Graben gebildet, die Führung hat sich so stark der ND angenähert, dass sie sich von großen Teilen der Basis entfremdet hat. Der einzige Zweck der Partei seit der Krise war der Machterhalt, da die Partei immer dem Staatsapparat näherstand als der Gesellschaft und ihren Bedürfnissen. (Florian Niederndorfer, DER STANDARD, 27.1.2015)

Die Athenerin Zoe Lefkofridi (37) arbeitet als Assistenzprofessorin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Salzburg und forscht derzeit am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Zuletzt erschienen: From Bad to Worse? Reflections on the Crisis in Greece and in Europe.


  • Panos Kammenos (Mi.) besiegelte die Koalition mit der linken Syriza-Partei.
    foto: epa/simela pantzartzi

    Panos Kammenos (Mi.) besiegelte die Koalition mit der linken Syriza-Partei.

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