Gemeinsame Erklärung von IKG und Aleviten

26. Jänner 2015, 11:35
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Auch Türkische Kulturgemeinde unter Verfassern - Aufruf zur Distanzierung von menschenverachtenden theologischen Inhalten - IGGIÖ nicht unter Verfassern

Wien - Die Israelitische Kultusgemeinde, die Islamische Alevitische Glaubensgemeinschaft und die Türkische Kulturgemeinde haben eine gemeinsame Erklärung zum Holocaust-Gedenktag verfasst. Man müsse theologische Traditionen kritisch hinterfragen, um sich "von menschenverachtenden und meist politisch motivierten und aus dem historischen Kontext gerissenen theologischen Inhalten klar zu distanzieren".

Religionsverantwortliche

Den Religionsverantwortlichen komme eine besondere Bedeutung zu, weil sie besondere Akzente für den Frieden setzen könnten - und zwar "mit Besinnung auf den Kern aller Religionen zum Schutz der Menschenwürde", wie es in der am Montag veröffentlichten Erklärung hieß. Anlass für das Schreiben ist der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, der am 27. Jänner, dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Jahr 1945 begangen wird.

Christliche Religionsgemeinschaften hätten Antisemitismus längst thematisiert, scharf verurteilt und bereits wesentliche Schritte zur Überwindung dieses Erbes gesetzt, so die Verfasser. "Im islamischen Raum und unter den hier wohnenden Muslimen in Europa verzeichnet man in letzten Jahrzehnten bedauerlicherweise eine dramatische Steigerung des Judenhasses", wie es auf Verweis auf Anschläge sowie Umfragen heißt.

Solidarität unter den Religionen

Spannungen in anderen Teilen der Welt dürften nicht nach Österreich importiert werden, so die Unterzeichner. "Ganz im Gegenteil: In Österreich sind Akzente zu setzen, die zeigen sollen, dass Frieden und Solidarität unter den Religionen möglich ist. Die Muslime unter uns verwehren sich dagegen, dass Verse ihres heiligen Buches - des Korans - dazu benutzt werden, gegen andere Religionen, wie das Judentum oder das Christentum, zu hetzen." Vielmehr genieße das Judentum wie auch das Christentum besondere Anerkennung im Koran, so die Verfasser. "Religiösen Antijudaismus, wie er von der Theologie des politischen Islams mit fundamentalistischen und verfälschten Koran-Interpretationen vertreten wird, lehnen wir ab."

Nicht unter den Verfassern ist die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), wie IKG-Generalsekretär Raimund Fastenbauer auf Nachfrage der APA sagte. "Wir haben zur IGGIÖ ein korrektes Verhältnis, aber ich muss bemerken, dass wir bezüglich islamischen Antisemitismus im Gespräch nicht wirklich weitergekommen sind - da heißt es immer, es sind falsche Übersetzungen, wenn wir etwa auf Hasspresdiger aufmerksam machen." Die gemeinsame Erklärung, die diese Thematik "recht kritisch" beurteile, sei "logischerweise" von jenen islamischen Organisationen mitverfasst worden, "mit denen wir über das korrekte Verhältnis hinaus auch in freundschaftlichen Beziehungen sind - und sich der Problematik bewusst sind". (APA, 26.1.2015)

Die Erklärung im Wortlaut

Gemeinsame Erklärung anlässlich des Int. Holocaust-Gedenktages am 27. Jänner 2015

Feindschaft gegen Juden als Menschen, Volk und Religion ist ein altes Phänomen. Diese zunächst religiöse Judenfeindschaft war die Grundlage des Rassenantisemitismus bis hin zum Holocaust. Die Vereinten Nationen erklärten den 27. Jänner, den Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Jahr 1945, zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Auschwitz ist das Synonym für den Massenmord der Nazis an den Juden, dem ersten Versuch einer technologisch organsierten Liquidierung eines ganzen Volkes. Diesem modernen Rassenantisemitismus ging eine religiöse Judenfeindschaft voraus. Christliche Religionsgemeinschaften haben Judenhass (Antisemitismus) längst thematisiert, scharf verurteilt und bereits wesentliche Schritte zur Überwindung dieses Erbes gesetzt.

Im islamischen Raum und unter den hier wohnenden Muslimen in Europa verzeichnet man in letzten Jahrzehnten bedauerlicherweise eine dramatische Steigerung des Judenhasses. (Beispiel: Malmö, Paris, Toulouse, Brüssel) Das beweisen entsprechende Umfragen (WZB-Berlin, Amadeu-Antonio Stiftung, Bielefelder Institut für Konfliktforschung, Grundrechtsagentur der Europäischen. Union und Deutsches Institut für Islamfragen.

Die Menschen in Europa unabhängig von ihrer religiösen und ethnischen Zugehörigkeit - sind gerade an diesem Internationalen Holocausttag gefordert, sich in Solidarität gegenüber Rassismus, Fundamentalismus, Juden- und Muslimenfeindlichkeit zusammen zu finden und zu verhindern, dass Mitglieder ihrer Gemeinschaften selbst zu antijüdischen oder sonstigen religionsfeindlichen oder rassistischen Akteuren werden.

Im Sinne einer pädagogischen Aufklärung kommt den Religionsverantwortlichen eine besondere Bedeutung zu, weil sie mit Besinnung auf den Kern aller Religionen zum Schutz der Menschenwürde besondere Akzente für den Frieden setzen können. Daraus ergibt sich auch die Notwendigkeit eigene theologische Traditionen auf ihre gegenwärtige Bedeutung hin kritisch zu hinterfragen, um sich von menschenverachtenden und meist politisch motivierten und aus dem historischen Kontext gerissenen theologischen Inhalten klar zu distanzieren.

Spannungen aufgrund unterschiedlicher politischer Narrative und Ansichten bezüglich Konflikten in anderen Teilen der Welt dürfen nicht nach Österreich importiert werden. Ganz im Gegenteil: in Österreich sind Akzente zu setzen, die zeigen sollen, dass Frieden und Solidarität unter den Religionen möglich ist. Die Muslime unter uns verwehren sich dagegen, dass Verse ihres heiligen Buches, des Korans, dazu benutzt werden, gegen andere Religionen, wie das Judentum oder das Christentum, zu hetzen. Vielmehr genießen das Judentum wie auch das Christentum besondere Anerkennung im Koran. Religiösen Antijudaismus, wie er von der Theologie des politischen Islams mit fundamentalistischen und verfälschten Koran-Interpretationen vertreten wird, lehnen wir ab. Insbesondere verurteilen wir alle unmenschlichen und rassistischen Hadithe späteren Datums, die Verleumdungen gegenüber der Lehre des Propheten darstellen. Das Wort "Islam" im Koran hat als Wurzel das Wort "Selam", das "Friede" bedeutet. Alle Muslime sind verpflichtet durch ihre Taten und Handlungen das Wort "Selam" auch zu leben.

Die Juden unter uns weisen darauf hin, dass gemäß den Prinzipien der sieben noachidischen Gesetze der Ethik (Talmud Sanh. 56) Andersgläubige einen den Juden gleichen Anteil an der kommenden Welt haben und wir aus diesem Grunde jegliche Missionierung ablehnen. Angehörige anderer Religionen sind für uns gleichberechtigte Partner. Die Österreichische Bundesverfassung zu der wir uns alle als oberster ziviler Rechtsordnung bekennen, legt die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben.

Islamische Alevitische Glaubensgemeinschaft in Österreich

Israelitische Kultusgemeinde Wien - Israelitische Religionsgesellschaft

Türkische Kulturgemeinde

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