Paris: Penisblitzer und Discoglamour

26. Jänner 2015, 12:16
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Ungewohntes bei den Männermodeschauen in Paris: Rick Owens schickt seine mit luftigen Tunikas bekleideten Models ohne Unterwäsche auf den Laufsteg, Carol Lim und Humberto Leon mischen leuchtende Farben und Springerstiefel zum Spacetrip, Veronique Nichanian lädt bei Hermès zum Stadtspaziergang

Louis Vuitton: Ornamentale Hommage an Christophe Nemeth

Der Name Christophe Nemeth mag außerhalb von Japan kaum jemandem ein Begriff sein, doch für Kim Jones war der Londoner Designer, der von 1986 bis zu seinem Tod 2010 in Tokio lebte, so etwas wie ein Mentor – und die Winterkollektion 2015 eine Hommage an sein großes Vorbild. Aus den umfangreichen Nemeth-Archiven wählte Jones vier ornamentale Prints, die sich auf Jacken, Pullovern und Hosen wiederfanden. Die beeindruckende Handwerkskunst, mit der die 38 Looks gefertigt waren, machte die Kollektion zu einem würdevollen Nachruf: Pullover waren kunstvoll mit Mustern aus Kork besetzt, Taschen und Mäntel kamen aus mit Laser-Cut-Technik verziertem Velours. Das Ganze mischte Jones mit einer guten Note Sportlichkeit, krempelte die schmalen Hosen knöchellang und ließ seine Models in lässigen Wanderschuh-Sneakers über den Laufsteg marschieren.

foto: apa/epa/langsdon

Dries Van Noten: Moderne Dandys

DM Stith hauchte "Be My Baby" aus den Lautsprechern, als die Models durch die große Halle liefen, die dem Pariser Nahverkehr normalerweise als Busparkplatz dient. Damit war die Bühne frei für ein neues Spiel der Gegensätze, wie es Dries Van Noten meisterlich beherrscht. Dunkelblaue Mäntel mit horizontalen Balken erinnerten an die Kluft von Feuerwehrmännern. Dagegen setzte der belgische Designer glänzende Seidensteppjacken, chinesische Muster, silberne Stickereien und elegante Pelzkrägen. Rigide und fließende Stoffe wechselten einander ab, Bermudas wurden über Leggings, Kilts über Anzughosen getragen. Selbst vor cremefarbenen Anzügen machte Dries Van Noten keinen Halt und zeigte seine Vision des modernen Dandys.

foto: apa/epa/langsdon/ap/mori

Rick Owens: Der Verzicht auf Unterwäsche

Rick Owens nannte diesmal ein Filmset in einem U-Boot als Inspirationsquelle für seine Männerkollektion und zeigte klassische doppelreihige Caban-Jacken, zum Teil mit rostigen Flecken versehen, wattierte Parkas mit weiten Kapuzen und große Strickoveralls, die an überlange Seemannspullover erinnerten. So viel zum maritimen Thema. Doch der amerikanische Designer hatte bei der Arbeit diesmal ganz offensichtlich den Schalk im Nacken. Manche Tuniken hatte er im Lendenbereich mit Luken und Öffnungen versehen – und seine Models natürlich ohne Unterwäsche auf die Bühne geschickt. Abgesehen von diesem etwas albernen Kleiner-Junge-Streich zeigte er aber alles in allem eine überzeugende Mischung aus tragbaren, ja fast konservativen Marine-Mänteln und wild dekonstruierten Capes, die seinem Ruf als Avantgardisten alle Ehre machten.

foto: apa/epa/langsdon/ap/brinon

Maison Margiela: Femininer Discoglamour

Bei Maison Margiela hat eine neue Ära begonnen. Auch wenn John Galliano, neuer Kreativdirektor, in die neue Männerkollektion noch nicht involviert war, konnte man seinen Geist bereits spüren. Vor allem die zahlreichen femininen Elemente, Schuhe mit Absatz, lila Glitzerpullover, transparente Tops und florale Muster ließen unwillkürlich an den exzentrischen Designer denken. Neben 70er-Jahre-Disco-Glamour und buntem Bodypainting an Händen und Gesichtern der Models, gab es auch ein paar konservative Teile, wie zum Beispiel einen doppelreihigen, camelfarbenen Anzug mit passendem Mantel, zu sehen. Nächste Saison wird sich zeigen, ob John Galliano es schafft, die Zügel zusammenzuhalten und aus diesem etwas kunterbunten Potpourri eine klare Linie zu machen.

foto: apa/epa/valat

Kenzo: Wilder Space-Trip

Man kann nicht behaupten, dass es der neuen Kollektion von Carol Lim und Humberto Leon an visuellen Reizen mangelte. Die Farbskala machte wilde Sprünge zwischen Military Green, leuchtendem Orange, Blau, Zitronengelb, Violett und Schwarz. Von futuristischen Mustern, horizontalen und vertikalen Farbblöcken, Klecksen, fiktiven Logos und Symbolen, Lim und Leon machten grafisch den Rundumschlag. Springerstiefel kombinierten sie zu metallisch-glänzenden Nylon-Capes, Handwärmer zu Bomberjacken mit galaktischen Batik-Prints, XXL-Nadelstreifenmäntel zu schwarzen Seidenhosen. Es sei ihnen um "Individualität, Überleben, Schutz und Funktionalität" gegangen, hieß es in den Shownotes. Man könnte das Ganze aber auch einen wilden Space-Trip nennen. Mit "UFO"-Logo-Pulli geht es ab ins Kenzo-Universum.

foto: ap/ena

Dior Homme: Mit Frack, Fliege und Baseballkappe

Kris Van Assche zeigte für Dior Homme eine neue, traditionelle Richtung in der Männermode an. Und zu der gehört ein ordentliches Hemd und Krawatte, wenn nicht sogar Fliege oder Frack. Abgesehen von den Baseballkappen und den Badges auf dem Revers, waren die Smokings, Anzüge und Mäntel, mit der die Show eröffnet wurde, so piekfein, dass sie locker für einen Opernbesuch herhalten könnten. Passend dazu saß in der Mitte des Laufstegs ein Orchester aufgereiht und sorgte für den Soundtrack der Show. Nach und nach wurden die Looks dann eine Spur lässiger. Dunkles Denim mixte Van Assche mit Lederjogginghosen und Nadelstreifen. Leuchtendes Königsblau blitzte unter der Sohle der schweren Schnürschuhe hervor, traditionelles Karomuster und V-Kragen-Pullover peppte er durch zitronengelbe Akzente auf.

foto: apa/epa/langsdon

Hermès: Urbaner Luxus mit Pelzhose

"Stadtspaziergang" nannte Veronique Nichanian ihre neue Kollektion für Hermès und ließ ihre Models vor den großen Fensterfronten des Maison de la Radio entlanglaufen, mit Blick auf die abendlichen Lichter von Paris und die Seine. Dementsprechend urban war der Look der Kollektion, sogar Bomberjacken, Overalls und Sweater hatte Nichanian auf dem Programm. Aber natürlich in einer eleganten Luxusversion. Jogginghosen aus Nerz oder Pullover aus Krokoleder sieht man eben nur bei Hermès. Diese noblen und schweren Materialien leicht und modern aussehen zu lassen ist vermutlich die größte Kunst von Veronique Nichanian.

foto: ap/brinon

(Estelle Marandon, derStandard.at, 26.1.2015)

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