Filmfestival Saarbrücken: Cineastische Flucht aus dem Angstsystem

26. Jänner 2015, 08:09
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Bei der 36. Vergabe des "Max-Ophüls-Preises" in Saarbrücken wurde das Augenmerk auf den filmenden Nachwuchs gelegt. Als Sieger des Bewerbs ging der Schweizer Beitrag "Chrieg" hervor

Saarbrücken - Helge Schneider sitzt und wartet. Eine typische Interviewsituation vor der Kamera: Es dauert eine kleine Ewigkeit, bis Bild und Ton eingerichtet sind und die Filmemacherin ihre erste Frage stellt. Sie will etwas über die Freiheit des Komikers wissen: "Freiheit ist nichts, was man hat, die muss man sich nehmen", sagt Schneider, lächelt, steht auf und geht.

Gleich am Anfang von Andrea Roggons wunderbarem Dokumentarfilm Mülheim - Texas. Helge Schneider Hier und Dort steht also ein Scheitern - aber eines, das vielsagender ist als viele professionell "gelungene" Interviews. Die Intelligenz, Improvisationsgabe und den Humor Schneiders bringt diese kurze Szene ebenso auf den Punkt wie den Film selber, der von Anfang an und ohne Scheu immer wieder eingesteht, dass das Multitalent aus Mülheim an der Ruhr letztlich undurchdringbar bleiben wird.

"Nehmt euch mehr Freiheiten! Scheitert mehr!", hätte man auch manchen Regisseurinnen und Regisseuren der Spielfilme bei diesem 36. Filmfestival Max-Ophüls-Preis gerne zugerufen. Denn immer dann, wenn in Filmen Risiken eingegangen wurden - wenn etwa improvisiert oder mit Laiendarstellern gearbeitet wurde -, lüftete sich der drückende Deckel des professionell Gemachten und gut Gemeinten, der besonders auf dem deutschen Film zu liegen scheint. Etwas Bleiernes, das selbst beim im Saarbrücken präsentierten Nachwuchs deutlich zu spüren war - zugelassen wird beim Festival höchstens der dritte Langfilm eines Regisseurs. Hier stellen also Filmemacher ihre Werke vor, die "von Natur aus" für frischen Wind sorgen sollten.

Das schreibt sich natürlich leicht. Die harte Realität enthüllt der Festivalkatalog: Viele der im Wettbewerb vertretenen Regisseure stehen kurz vor ihrem 40. Geburtstag oder haben ihn sogar schon hinter sich gelassen. Nachwuchs und Jugend können also in der deutschsprachigen Filmbranche kaum synonym verwendet werden. Zu langwierig ist es, ein einziges Projekt zu realisieren. Der immense Konkurrenzdruck erzeugt ein System der Angst, in dem jeder Film zum Endspiel wird, weil er der letzte sein könnte. Da hat es Helge Schneider einfacher, dessen Improvisationskunst von der Erfahrung und Sicherheit unzähliger Auftritte zehren kann.

Lob der Lebendigkeit

Ein Endspiel heißt das Langfilmdebüt von Lili Thalgott (Jahrgang 1975), das - trotz des Titels - ein Gegenmodell entwirft. Ihre Beziehungskomödie wurde komplett von den Darstellern improvisiert. Das Ergebnis ist einer der lustigsten und lebendigsten deutschen Filme der letzten Jahre. Auch hier basiert der Erfolg allerdings auf viel Übung: Die Regisseurin arbeitete in ihrem Film zusammen mit Darstellern der erfahrenen Improvisationstheatertruppe Hidden Shakespeare.

Auf professionelle Schauspieler verzichtet hat dagegen Thomas Woschitz (Jahrgang 1968) in Bad Luck, neben Andrina Mracnikars Psychothriller Ma Folie der einzige österreichische Spielfilm im Wettbewerb. Woschitz erzählt die Geschichten dreier Verzweifelter, die in der Kärntner Provinz dem Glück hinterherjagen, nur um noch tiefer zu fallen. Wie hier das Schicksal böse Scherze spielt, erinnert an die Filme der Coen-Brüder. Doch wo bei den Amerikanern bisweilen eine distanziert-zynische Weltsicht der Empathie mit ihren Figuren im Wege steht, erhebt sich Woschitz nie über seine Protagonisten. Seine Laiendarsteller zeichnet dabei bei aller harten Schale eine Verletzlichkeit aus, die kaum ein Schauspielprofi so glaubwürdig verkörpern könnte.

Auf Hauptdarsteller mit keiner oder sehr wenig Schauspielerfahrung hat sich auch der Schweizer Simon Jaquemet (Jahrgang 1978) in Chrieg verlassen. Er erzählt von einem orientierungslosen Jugendlichen, der auf einer Alpenalm eine Art nihilistisches Utopia vorfindet, in dem die Erwachsenen keine Macht mehr haben. Herr der Fliegen und Clockwork Orange grüßen von Ferne, und doch ist Chrieg sehr eigenständig in seiner Mischung aus typisch Schweizer Themen (die Freiheit in den Bergen) und einem Mix aus Realismus und Märchenhaftigkeit. Dafür wurde Jaquemet verdientermaßen mit dem Hauptpreis des Festivals ausgezeichnet. (Sven von Reden, DER STANDARD, 26.1.2015)

  • Der Österreicher Thomas Woschitz erzählt in "Bad Luck" in Coen-Brüder-Manier von Verzweiflungstaten in der Kärntner Provinz - eine erfrischende Talentprobe.
    foto: filmfestival saarbrücken

    Der Österreicher Thomas Woschitz erzählt in "Bad Luck" in Coen-Brüder-Manier von Verzweiflungstaten in der Kärntner Provinz - eine erfrischende Talentprobe.

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