Pumporgane des Bösen

26. Jänner 2015, 07:37
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Fuckhead-Performance "Heart of Darkness" im Wuk

Wien - Schiach war's. Und gerade deswegen, Verzeihung, so etwas wie genialisch. Die Performance Fuckhead: Heart of Darkness durchleuchtete am Wochenende im Wuk das Pumporgan des Bösen. Am Darstellungs- und Musikgerät arbeiteten Dr. Dietmar Bruckmayr, Raum.null und Stirnprumzer Kurt Prinz.

Was im Guten unter Diskurs verstanden wird, endet in den Sümpfen der Logiken von institutionalisierter Gewalt und des unbedingten Imperativs Profit. Inmitten dieser Banalität, die wir alle mitfinanzieren, weil sie die Grundlage unseres (Un-)Wohlstands bildet, wohnt das Monster des Zynismus. Dieses nährt sich von einer so allgemeinen wie vermeintlichen Hilflosigkeit: Wer will es sich leisten, auf das Mobiltelefon zu verzichten, obwohl heute jeder und jede wissen kann, dass darin meist Materialien verarbeitet sind, an denen Blut klebt?

Dem Zynismus mit Zynismus zu begegnen kann auch eine Methode sein, und die wird bei Fuckhead: Heart of Darkness laut und deutlich imitiert. Als Grundlage für das Stück dient Joseph Conrads Erzählung Herz der Finsternis (1898), die den Wahnsinn kolonialistischer Ausbeutungspolitik zum Inhalt hat.

In die Mitte der Bühne ist ein unansehnlicher Oktaeder in den Boden gerammt, der sich erst durch die Wunder der Projektionstechnik in einen schillernden Kristall verwandelt. Dieser öffnet sich und scheidet vier Männer mit Aktenkoffern aus. Die Musik dazu und zu dem, was noch folgt, knallt schroff, schneidend und Eingeweide aufwühlend durch den Raum.

Fuckheads Figuren erinnern an die Manager in dem Skandalstück Parade - Ballet réaliste, das Jean Cocteau und Erik Satie 1917 mit Serge Diaghilevs Ballets Russes in Paris zur Uraufführung brachten. Picassos Kostüme, Saties Musik und die politische Aussage wurden damals als Affront angesehen.

Wien, 98 Jahre später. Nach einer Stunde des augen- und ohnebetäubenden Heart of Darkness kommt der Applaus zögernd, und er währt nur kurz. Das Fuckhead-Fanpublikum im Wuk zerstreut sich auffallend schnell. Die Kannibalen-Szene mit Schaufensterpuppen, die schleimtropfenden Körper der so gut wie nackten Schreibtischherren, die in Papierschnipsel paniert werden, und der Totenschädelregen auf der großen Hintergrund-Leinwand haben ganze Arbeit geleistet.

Für eine richtige Aufwühlung ist das Wuk nicht der richtige Ort. Fuckhead: Heart of Darkness gehört wohl eher ins Burgtheater oder in einen ähnlichen, von der Hochkultur bewohnten Ort, an dem solcherlei Art brut nie aufgeführt wird. Natürlich ist den realen Tätern, so sie den Angeboten der ernsten Genres je frönen, nicht zu unterstellen, sie würden durch künstlerische Konfrontationen mit ihren Vernichtungswerken umdenken. Doch ein Recht auf ihr Spiegelbild haben sie sehr wohl. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 26.1.2015)

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