Trauer, die verbindet, aber auch trennt

26. Jänner 2015, 07:30
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Schwierig und auch schiefgegangen: "Gift. Eine Ehegeschichte" am Volkstheater Wien

Wien - Die Theaterliteratur ist voller gescheiterter Therapiefälle. Und voller Leid, das für schwache Menschenschultern einfach zu viel ist. In Lot Vekemans Stück Gift. Eine Ehegeschichte greift beides ineinander: Ein Kind stirbt; der unendlichen Trauer hält die Ehe der Eltern nicht stand. Er verlässt sie eines Silvesterabends ohne Ankündigung. Zehn Jahre später sehen sie einander erstmals wieder, auf dem Friedhof. Das Grab des Sohnes muss umgebettet werden; ein bürokratischer Akt, der das Paar in einer nüchternen Wartehalle zusammenführt. In Wahrheit aber hat die Frau das Treffen initiiert, weil sie "erlöst" werden möchte aus dem Schmerz.

Dies ist die erste Schwierigkeit im Kammerspiel der niederländischen Autorin: Sich nicht in den banalen Stereotypien von Gefühl (weiblich) und Vernunft (männlich) zu verlieren. Auch Johan Simons' Inszenierung - sie war 2013 zu Gast bei den Wiener Festwochen - konnte sich dem nicht ganz entziehen.

Die Inszenierung am Volkstheater verdeutlicht diese geschlechtlichen Zuschreibungen vollends, und unversehens zementiert Regisseur Michael Schottenberg ein festgefahrenes Klischeebild: Während "Er" (Günter Franzmeier) im Ausland ein neues und stabiles Leben führt, steht "Sie" (Andrea Eckert) für eine hochnervöse, unsichere Person, die sich ganz dem Schmerz opfert. Der Text (2009) wirkt damit altmodischer, als er ist.

Schottenberg führt das Paar in einem gleißend weißen Container zusammen (Bühne: Hans Kudlich), in dem, so auch die Regieanweisung, ein paar Stühle stehen und ein Trinkautomat. Äußerlich ähnelt die Inszenierung ganz jener von Christian Schwochow (Deutsches Theater Berlin 2013). Zu Stings Lied Fields Of Gold heben sich zu Beginn langsam Jalousien und geben den Blick auf das "Beziehungslabor" frei. Ein schönes Anfangsbild, dem aber viele falsche Töne folgen.

Den schwelenden, das Paar letztlich vereinenden Schmerz spürbar zu machen, das gelingt nämlich nicht. Eckert tritt von Anfang an wie eine Diva auf, mit Tuch und schwarzer Sonnenbrille (Kostüme: Erika Navas). Zu groß wird alsbald das Interesse an ihrer schwungvoll modellierten Föhnfrisur und auch an den Posen mit und ohne Seidenmantel.

Jeder verzweifelte Frauenfaustschlag auf die Männerbrust, jeder bedeutungsvolle Blick ins Publikum, jeweils vor einem Zeitsprung innerhalb der Szene (Schottenberg markiert diese mittels Black und einem lauten Fotoapparat-Klick), wird dadurch unterhöhlt.

Dabei knistert in den Dialogen des Stücks das Unsagbare, es klaffen Freiräume, die im Spiel zu entdecken wären. Davon bleibt diese handliche Volkstheater-Inszenierung (75 Minuten) unbeleckt, sie spult die Szenen unter dem Christuskreuz (ein grausamer Gott hat das alles zugelassen!) in weiter Ferne vom Text ab. Vielleicht könnte es einer Regisseurin gelingen, das Doppelpaket Frau/Emotion zu entkrampfen. Den Versuch wäre das Stück wert. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 26.1.2015)

  • Trauern um ihr gemeinsames Kind und das Ende ihrer Ehe: Andrea Eckert ("Sie") und Günter Franzmeier ("Er") in "Gift".
    foto: apa/roland schlager

    Trauern um ihr gemeinsames Kind und das Ende ihrer Ehe: Andrea Eckert ("Sie") und Günter Franzmeier ("Er") in "Gift".

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