Bronze und das Haus, in dem kein Platz war

26. Jänner 2015, 09:55
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ist bis dato die einzige österreichische Medaillengewinnerin im Langlauf. Die Osttirolerin, die auf baldige Gesellschaft hofft, ging während der kurzen, heute ziemlich anrüchigen Hochblüte dieser ÖSV-Sparte nicht nur zwangsläufig eigene Wege

Wien - "Wenn man gut in Form ist, macht man vieles richtig", sagt Maria Theurl. Am 19. Februar 1999 wähnte sich die Osttirolerin wirklich gut in Form. In Ramsau standen die 15 Kilometer der Langläuferinnen auf dem Programm, es ging in freier Technik um WM-Medaillen. Neuschnee sprach gegen die Mehrzahl der Serviceleute, aber eher für Theurl. "Es war weich, für leichte Läuferinnen wie mich ein Vorteil."

Fünf Minuten vor dem Start riss sich Theurl selbst noch einmal aus der Konzentration, stürmte in die Wachshütte und verpasste den Laufflächen ihrer Skier mit einem Hobel Struktur - eine bronzerichtige Entscheidung. Wenig später sicherte sich die 32-Jährige Rang drei hinter der Italienerin Stefania Belmondo und der Estin Kristina Smigun, den Topstars der Szene. "Jetzt hamma die Medaille, aber die Falsche hat sie gemacht", sollte Walter Mayer im Fernsehen kommentieren. Theurl hatte Österreichs bis heute einzige Medaille im weiblichen Langlauf nämlich nicht wegen, sondern eher trotz des Wirkens des damals noch allmächtigen Langlaufcheftrainers geholt. Der bejubelte wenige Tage später seine richtige Medaille, das Gold der Herrenstaffel: "G'wunnen ham's, de Trott'ln!"

Aus der Mode für Hausfrauen

Das Vermögen, gegen Widerstände den eigenen Weg zu gehen, hat Maria Theurl früh bewiesen. Der Langlauf fand relativ spät zu ihr, erst als sie eine 14-jährige Gymnasiastin war. "Damals war es eine Art Mode für Hausfrauen, einen Langlaufkurs zu machen." Also belegte die Mutter, Erna, einen solchen. Tochter Maria folgte der Spur in der Loipe die Drau entlang, bewies Ausdauer und auch Ehrgeiz, der daheim insofern nicht so gut ankam, als die Familie - Erna, ihr Mann Josef, ein Sägewerksbesitzer, und die drei Geschwister - lieber Ski fahren gehen wollte an den Wochenenden, an denen Maria zu Rennen zu begleiten gewesen wäre. Doch die fand in Elisabeth Höller vom lokalen Klub Compedal Thal/Assling "meine Langlaufmutter", die der Karriere mit dem Hinweis auf das Skigymnasium Stams den entscheidenden Anstoß gab.

Maria Theurl fand entgegen ihrer Befürchtung Aufnahme. "Ich bin hineingeschlittert" in die, nun ja, Medaillenschmiede des österreichischen Skisports. "Es hat keiner gesagt, dass ich ein Talent bin", aber es ging bergauf und auch mitten ins Herz. Ein gewisser Markus Gandler, ein paar Tage jünger, langläuferisch begabt und aus Kitzbühel, wurde "meine Jugendliebe".

Sportlich ging es "step by step", aber eben nicht rasend schnell. "Ich habe zum Teil wirklich viel trainiert, vielleicht auch zu viel." Mit 25 Jahren hat Theurl genug. Sie wird trotz des Gewinns der Europacupwertung vom österreichischen Skiverband (ÖSV) aussortiert und wendet sich der Worldloppet-Serie der wichtigsten Skimarathons zu. Da gab es auch Geld zu verdienen, wenn auch nicht überall. "Beim Dolomitenlauf bekam der Sieger 20.000 Schilling, die Siegerin bekam nichts. In Skandinavien, in den USA waren sie da schon weiter." Theurl gewann dreimal die Gesamtwertung ("Auch das Gewinnen kann man trainieren") und absolvierte nebenbei ihr Lehramtsstudium - Sportwissenschaften sowie Philosophie, Pädagogik und Psychologie.

Den Weg weitergehen

Auf Betreiben von Anton Innauer, verheiratet mit der Ex-Langläuferin Marlene Resch und gerade eben zum nordischen ÖSV-Sportdirektor avanciert, gibt Theurl im Hinblick auf die WM 1995 in Thunder Bay zwei Jahre davor ihr Comeback im Weltcup. "Ich habe erstmals Sporthilfe bekommen. Und Peter Schröcksnadel hat mich bei Sitour angestellt, damit ich wenigstens versichert bin."

Der ÖSV-Präsident akzeptiert Theurls Bedingungen. "Ich war so viele Jahre allein gewesen und wollte meinen Weg weitergehen und wenn, dann nur mit der Herrenmannschaft trainieren", der ja auch ihr Freund Gandler angehörte. Theurl, in Kitzbühel wohnhaft und für den dortigen SC startend, tastete sich an die Weltspitze heran. Eher trotz Walter Mayer, der ab 1993 als Chefcoach der Längläufer wirkte und "ein Problem mit Frauen und mit mir als emanzipierter Sportlerin hatte". Als die Beziehung zu Gandler in die Brüche geht ("Wir sind heute noch gute Freunde") steht Theurl ohne Rückhalt, auch bald ohne Trainer da. "Für eine Frau zu arbeiten war im ÖSV damals ein No-Go." Also schnappt sie sich nach der WM in Trondheim 1997 einen auf dem Flughafen herumstehenden, beschäftigungslosen Langlauftrainer aus Norwegen: Hallgeir Lundemo. "Es war, wie wenn ich ein Kind aufgenommen hätte. Ich musste mich um alles Organisatorische kümmern. Aber er hatte viel Ahnung von Technik, vom klassischen Wachsen."

"Ja, es passt schon"

1998, bei Olympia in Nagano, bekommt Theurl Mayers Ablehnung deutlich zu spüren. "Er hatte ein Haus für die Langläufer gemietet, für mich war kein Platz." Mayer sollte in seinem Buch Von Pfeif'n und Trott'ln, in dem er Theurl ausgeprägte Zickigkeit unterstellte, berichten, dass die Sportlerin lediglich nicht, wie in Japan üblich, auf dem Boden schlafen wollte.

Für Theurl wurde eine Art Hotel aufgetan, sie hauste in einem Mehrbettzimmer, ernährte sich von Spaghetti mit Tomatensauce und war in den Loipen weitgehend auf sich allein gestellt. Einen Kilometer vor Ende des Skatingrennens über 30 km bekommt sie ein unaufgeregtes "Ja, es passt schon" von Coach Mayer am Loipenrand zu hören. "Das hieß für mich, dass alles gelaufen ist, dass nach vorn nichts geht und nach hinten nichts passieren kann." Theurl wird Sechste, nur 1,5 Sekunden hinter der Russin Jelena Välbe. "Ich habe mich geärgert, aber ich habe immerhin gewusst, was geht, wenn ich schon fern der Heimat, unter diesen Umständen, so gut laufen kann."

Im Jahr darauf in Ramsau organisiert sich Theurl den Erfolg selbst, engagiert Trainer für die Infos an der Loipe, wird von ihrer Familie unterstützt - es gelingt Historisches. "Auf einmal hat alles einen Sinn" , sollte sie nach Bronze sagen.

Unummünzbar

Ummünzen konnte sie den Erfolg nicht. "Das Gold der Herren hat alles überstrahlt." Sponsor meldete sich keiner, manche Versprechen wurden nicht eingelöst. Ein Jahr später beendet Theurl ihre Karriere, wird Lehrerin und nebenbei Trainerin. Heute unterrichtet die mit dem Ex-Langläufer Achim Walcher verheiratete und in Ramsau unweit der "Loipe Theurl" lebende Mutter zweier Kinder an der Ski-Handelsschule in Schladming. Auch Leibeserziehung für die nicht Hochtalentierten. "Die brauchen über mangelnde Bewegung nicht klagen."

Es gibt für sie keinen Grund, mit Vergangenem zu hadern. Nicht einmal mit Walter Mayer, dessen weiterer Weg zumindest auf ihre Medaille keinen Schatten warf. "Ich war Gott sei Dank aufgeklärt genug", sagt Theurl heute zum Thema Doping. Und Mayer sieht sie nicht nur negativ: "Wie er im ÖSV für den Langlauf aufgetreten ist, war aller Ehren wert."

Maria Theurl-Walcher ist voller Hoffnung, dass sie bald nicht mehr als einzige Medaillengewinnerin Österreichs im Frauenlanglauf dasteht, verweist auf Teresa Stadlober. "Sie kann es schaffen. Wenn man im Weltcup einmal Sechste wird, ist auch eine Medaille möglich." Und weil man, erst einmal in Form, ja dazu neigt, das Richtige zu tun. (Sigi Lützow, DER STANDARD, 26.1.2015)

  • 19. 2. 1999: Maria Theurl auf dem Weg zur historischen Bronze.
    foto: reuters/schwarz

    19. 2. 1999: Maria Theurl auf dem Weg zur historischen Bronze.

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