Christoph Kucklick: "Digitalisierung ist nicht nur Horror"

Interview26. Jänner 2015, 00:38
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Der Autor von "Die granulare Gesellschaft" über Medienzukunft und Ende des Durchschnitts

Für Christoph Kucklick ist die Welt in Auflösung, die Gesellschaft werde durch die Digitalisierung immer granularer, wie er in seinem aktuellen Buch schreibt. Sein Zukunftsbild ist trotz der Herausforderungen für die Menschen im Zusammenleben mit den Maschinen aber nicht nur negativ. Ein Gespräch im Rahmen von 20 Jahre derStandard.at.

derStandard.at: Wie hat sich das Digitale in den vergangenen 20 Jahren auf die Menschheit ausgewirkt?

Kucklick: Die entscheidende Entwicklung ist: Digitalisierung löst auf. Das ist durchaus technisch zu verstehen: Digitale Technologien erlauben, alle Phänomene feinkörniger –also höher auflösend – zu vermessen und zu erfassen: unsere Körper, soziale Beziehungen, die Natur, Politik und Wirtschaft.

Wenn wir früher wissen wollten, mit wem Menschen telefonieren, mussten wir Einzelne befragen, heute haben wir Milliarden von hyperexakten Verbindungsdaten. Forscher bezeichnen diese Feinkörnigkeit der Daten als Granularität.

Ich folgere daraus: Es entsteht die granulare Gesellschaft. In einem sehr einfachen Bild: Früher bestand unsere Gesellschaft aus Billardkugeln, jetzt aus Schrotkugeln. Aus diesen müssen wir nun eine stabile Ordnung bauen. Das ist eine gewaltige Herausforderung.

derStandard.at: Wie würden Sie den "granularen Menschen" beschreiben?

Kucklick: Das ist der Typ Mensch, der wir werden, wenn wir uns auf die Granularisierung einstellen. Sie wird grundlegend verändern, wie wir uns selbst verstehen und wie wir uns verhalten.

Ein Beispiel: Der neue Mensch wird vom Thron der Rationalität gestoßen. Das Selbstverständnis des modernen Menschen lebt stark von seiner kognitiven Überlegenheit: Bislang empfanden wir uns als die cleversten Wesen auf dem Planeten. Dieses Selbstbild bricht zusammen, weil intelligente, "granulare" Maschinen uns kognitiv vielfach übertrumpfen.

Der Mensch muss sich in einem schmerzhaften Prozess nach einem neuen Alleinstellungsmerkmal umschauen. Ich vermute, es wird in der besonderen Betonung von Kreativität, sozialer Sensibilität sowie Empathie des Menschen bestehen.

derStandard.at: Und wie ändert sich das Verhalten des "homo granularis"?

Kucklick: Durch die hohe Auflösung der Gesellschaft werden winzige Unterschiede zwischen den Menschen erfasst und betont. Wir empfinden uns als noch einmal deutlich einzigartiger als bislang. Das macht bisherige soziale Kategorien unbrauchbar, weil sie zu grob sind.

Dafür gibt es schon erste Anzeichen, etwa bei Facebook: Es hat die Kategorie "Mann/Frau" aufgelöst und erlaubt den Usern, ihre sexuelle Orientierung auf knapp 60 verschiedene Weisen anzugeben. Wir werden lernen, diese Hyper-Unterschiedlichkeit zu akzeptieren, ja, für unverzichtbar zu halten.

derStandard.at: Die hohe Auflösung bedeutet aber auch: gesteigerte Überwachung.

Kucklick: Richtig, die Negativseite der Entwicklung. Aber der granulare Mensch wird sich darauf einstellen. Früher sprach man vom "gläsernen Bürger", der die ferngesteuerte Ausdeutung passiv ertragen hat. Der zukünftige Mensch wird sich hingegen aktiv um Unberechenbarkeit bemühen und erratischer, anarchischer werden. Das allein reicht nicht, um die Gefahren der Überwachung abzuwehren, aber es wird Teil unseres Verhaltensrepertoires.

derStandard.at: Das klingt eher bedrohlich. Bietet die "granulare Gesellschaft" Vorteile?

Kucklick: Ja, etliche. Digitalisierung ist nicht nur Horror. Um drei Vorteile herauszugreifen: dramatisch gesteigertes Wissen über bislang verborgene Zusammenhänge. Dann das Ende des Durchschnitts: Die Moderne hat oft über den Einzelnen geredet, aber nur den Durchschnittsmenschen gemeint. Und schließlich die weitere Entlastung des Menschen durch den vielfältigen Einsatz von intelligenten Maschinen.

derStandard.at: Und die negativen Auswirkungen?

Kucklick: Auch hier gibt es viele. Man darf sich die granulare Gesellschaft nicht idyllisch vorstellen. Wir bekommen es mit weiter steigender Ungleichheit zu tun, aus einem einfachen Grund: Alle, die es verstehen, mit intelligenten Maschinen zu kooperieren, setzen sich ökonomisch vom Rest ab, die das nicht können.

Zum Zweiten droht langfristig steigende Arbeitslosigkeit, wenn Maschinen Jobs übernehmen und wir nicht hinreichend schnell neue für uns Menschen erfinden.

Schließlich die dritte Entwicklung: multiples Versagen der Institutionen. Auf die neue Auflösung der Gesellschaft sind Staat, Parlament, Recht nicht eingestellt. Das heißt, sie müssen sich umbauen. Das bedeutet hochgradigen Stress in der Gesellschaft.

derStandard.at: Der Terrorismus kann sich über das Digitale im Moment offenbar einfacher ausweiten. Wie wirkt sich hier eine steigende Granularität aus?

Kucklick: Terrorismus gab es auch schon in früheren Zeiten, ohne das Digitale. Richtig ist, dass es heute dank granularer Netzwerke leichter fällt, weltumspannende Parallelkommunikationen zu betreiben, auch terroristische. Aber darin dürfte nicht die Ursache für den Terrorismus liegen.

Als Antwort auf die Gewalttaten jetzt die weitere Einschränkung von Bürgerrechten zu betreiben, etwa durch ein Verbot von Verschlüsselungstechnologien, halte ich für brandgefährlich. Regierungen und Staaten nutzen die derzeitige Situation, um sich weitere Sonderrechte zulasten ihrer Bürger anzumaßen.

derStandard.at: Weg vom Terror: Sie haben vorhin gemeint, dass wir am Ende des Durchschnitts angelangt sind. Ist es nicht schade um den "average guy", wie Lou Reed ihn noch besungen hat?

Kucklick: Nein, der Durchschnitt war eine Krücke der Moderne. Sie hatte – im Vergleich zu heute – so wenige Daten zur Verfügung, dass sie die Subjekte zu groben Werten verrechnen musste, mit denen sich der Einzelne dann wieder verglichen hat. Aber solche Werte waren immer eine Verlegenheit, die eben nichts über die Einzelnen ausgesagt hat. Darauf können wir leichten Herzens verzichten.

derStandard.at: Zur Quantified-Self-Bewegung: Menschen, die sich ständig etwa durch Fitness-Apps selbst vermessen, kommen auch in Ihrem Buch vor. Diese werden heute noch eher belächelt. Zu Recht?

Kucklick: Ja, sie wirken merkwürdig, aber seitdem ich mit etlichen gesprochen habe, sehe ich keinen Grund, sie zu belächeln. Die Quantified Selfer probieren aus, was es bedeutet, wenn man selbst granulares Wissen über sich erzeugen kann, etwa durch Sensoren oder Fitnessbänder.

Das Spannende an ihnen: Sie interessiert nicht mehr, wie der Mensch als solcher tickt oder optimiert werden kann, sondern sie beziehen sich ganz auf sich selbst. Sie wehren sich gegen die Zumutung des groben Durchschnittswissens. Sie verteidigen gleichsam ihre messbare Einzigartigkeit. In dieser Hinsicht sind sie die Avantgarde einer Gesellschaft der Unterschiede.

derStandard.at: Wenn diese Avantgarde zunimmt und im Gegensatz zu anderen eher das Wissen und den Zugang zu granularen Messmethoden hat, entsteht hier nicht eine gefährliche Kluft zwischen Selbstoptimierern und digitalen Außenseitern?

Kucklick: Ich glaube nicht, dass bei den Quantified Selfern der perfekte Mensch entsteht, sondern der nach bestimmten Maßstäben optimierte Mensch – wenn man diesen Begriff überhaupt nutzen will. Denn die Ziele der QSler sind höchst unterschiedlich: Die eine sucht mehr Fitness, der andere mehr Glück, wieder eine andere mehr Ruhe.

Richtig ist aber, dass die Kluft zwischen digitalen Insidern und Outsidern zunimmt. Die Gegenmaßnahmen wären: eine vernünftige Infrastruktur aufzubauen und das Digitale noch viel stärker in das Bildungssystem zu integrieren. Da passiert noch zu wenig. Die Kluft wird wie bei allen neuen Technologien weiter zunehmen und sich hoffentlich später abschwächen.

derStandard.at: Sie zitieren in Ihrem Buch Ray Kurzweil, der für 2029 die Niederlage des Menschen gegen die Maschinen voraussagt. Realistisch?

Kucklick: Ach, nö. Dahinter steckt die Idee des einen Übercomputers, der restlos alle Fähigkeiten in sich vereinigt, sich in wahnsinniger Geschwindigkeit selbst reproduziert und den Menschen schließlich unterjocht.

Diesen Übercomputer wird es ebenso wenig geben wie den Übermenschen. Aber wir müssen uns zunehmend mit Maschinen auseinandersetzen, die deutlich mehr können als wir – die Kränkungen nehmen zu.

derStandard.at: Sie schreiben von einer "neuen Medienkatastrophe", die wie bei der Erfindung des Buchdrucks alles auf den Kopf stellt. Was bedeutet die digitale Revolution für den Journalismus?

Kucklick: Die Medienkatastrophe beziehe ich nicht eng auf den Journalismus. Sondern darauf, dass nun intelligente Menschen anfangen, in den Kommunikationen mitzumischen. Das beginnt mit Suchmaschinen.

Jeden Text, den wir im Internet lesen, hat vorher eine Suchmaschine gelesen, um ihn uns überhaupt zeigen zu können. Maschinen errechnen Prognosen aller Art, Algorithmen empfehlen uns Handlungen – von Aktienkäufen bis zu Fitnessprogrammen –, sie diagnostizieren Krankheiten – überall reden Maschinen mit. Das ist radikal neu.

derStandard.at: Und was hat das mit dem Buchdruck zu tun?

Kucklick: Es gibt zum ihm eine ferne Entsprechung: Kaum gab es die neue, billige Drucktechnologie, begannen Menschen mitzureden, die vorher von der öffentlichen Debatte ausgeschlossen waren. Das ergab ein gewaltiges soziales Geschnatter, die Gesellschaft wurde mit den Meinungen aller möglichen Leute überschwemmt – und es hat ein paar Jahrhunderte gedauert, die Folgen einzufangen, etwa durch Wissenschaft und Demokratie. Ähnliches passiert jetzt: Wir müssen die Konsequenzen bewältigen, dass nun Maschinen mit"schnattern".

derStandard.at: Und der Journlalismus?

Kucklick: Der Journalismus wird dabei nicht untergehen, wie gerne behauptet wird, aber auch er granularisiert sich. Er spaltet sich in mehr Stimmen auf. Die klassischen Institutionen und die großen Blätter schwächeln, und es entwickelt sich mehr Parallelkommunikation.

derStandard.at: Es gibt bereits sogenannte Roboterjournalisten – Programme, die mittels Algorithmen Artikel erstellen. Wie lange wird es den menschlichen Journalisten noch geben?

Kucklick: Noch eine ganze Weile, da mache ich mir keine Sorge. Aber richtig, auch wir teilen unsere Arbeit zunehmend mit intelligenten Maschinen. Auf manchen sehr standardisierten Themengebieten, etwa dem Sport oder der Finanzberichterstattung, sind die Ergebnisse dieser Programme gar nicht schlecht.

Auch wir Journalisten gehören zu der Kaste von Geistesarbeitern, die sich bislang vor der Intelligenz-Revolution der Maschinen gefeit sahen – und die jetzt ihr blaues Wunder erleben.

derStandard.at: Was wird von Menschen gemachter Journalismus in Zukunft erfüllen müssen?

Kucklick: Die Hauptaufgabe wird sein, die Aufmerksamkeit von Lesern und Usern in viel höherem Maß als bisher zu binden. Für jeden Leser oder User ist das nächste interessante Info-Partikel so nah, dass wir viel besser darin werden müssen, Menschen für das, was wir anbieten, zu begeistern. Und zugleich – und teilweise widerstreitend – im granularen Aggregatzustand unserer Gesellschaft mehr Ordnung und Struktur zu vermitteln.

derStandard.at: Braucht es den Journalisten als Experten noch, wenn der eventuell Klügere nur einen Klick entfernt ist?

Kucklick: Experten geraten durch die Digitalisierung insgesamt unter Druck. Die Aura vieler Anwälte oder Ärzte wird etwa durch Online-Bewertungssysteme ausgehöhlt. Ähnliches passiert Journalisten: Das Netz macht sichtbar, dass es außerhalb des klassischen Journalismus interessante Angebote gibt, die nicht übel sind.

Der Journalismus erleidet derzeit einen drastischen Status- und Wertverlust. Der journalistische Experte kann dem noch am ehesten trotzen, nur muss er auch die Kunst der Begeisterung pflegen und beherrschen.

derStandard.at: Kann der "homo granularis" zur Verbesserung des Journalismus beitragen?

Kucklick: Es ist nun in einem ganz anderen Maß möglich, dass jeder mitmacht. Ob das eine Verbesserung ist? In Teilen ja. Die Blogosphere angelsächsischer Ökonomen ist eine der besten Informationsquellen über Wirtschaftsthemen; leider gibt es nichts Vergleichbares im deutschsprachigen Raum, in dem die akademische Intelligenz sich weiterhin diesen Formen der Kommunikation verweigert.

Für die Zukunft der Gesellschaft wird aber nicht entscheidend sein, ob es Journalismus gibt, sondern wie trotz oder wegen Granularität die Informiertheit der Bürger sichergestellt wird. Ich vermute und hoffe, dass es ganz neue Formen geben wird.

derStandard.at: Romantische Frage: Denken Sie, dass zwischen Mensch und Maschine am Ende auch eine Liebesbeziehung möglich ist, wie im von Ihnen erwähnten Film "Her"?

Kucklick: Führen wir diese "Liebesbeziehung" nicht schon vielfach? Haben sich nicht Smartphone, digitale soziale Netzwerke und dergleichen intensiv an unser Leben angeschmiegt? Können wir uns überhaupt noch ohne sie verstehen?

Wir sind längst höchst emotional mit diesen Technologien verstrickt, denn diese sind immer auch Wunsch- und Liebeserfüllungsmaschinen. Die Co-Evolution von Mensch und Maschinen hat unwiderruflich begonnen. In einigen Bereichen ist sie eine "amour" und in anderen eine "amour fou". (Rainer Schüller, derStandard.at, 26.1.2015)

Christoph Kucklick ist promovierter Soziologe und Chefredakteur des Magazins "Geo".

  • Christoph Kucklick: "Früher bestand unsere Gesellschaft aus Billardkugeln, jetzt aus Schrotkugeln. Aus diesen müssen wir nun eine stabile Ordnung bauen. Das ist eine gewaltige Herausforderung."
    foto: conrad piepenburg

    Christoph Kucklick: "Früher bestand unsere Gesellschaft aus Billardkugeln, jetzt aus Schrotkugeln. Aus diesen müssen wir nun eine stabile Ordnung bauen. Das ist eine gewaltige Herausforderung."

  • "Die granulare Gesellschaft. Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst"  Von Christoph Kucklick. Ullstein Verlag, Berlin 2014               ISBN               9783550080760.
    foto: uhlstein

    "Die granulare Gesellschaft. Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst" Von Christoph Kucklick. Ullstein Verlag, Berlin 2014 ISBN 9783550080760.

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