ORF-Chef zu Wehrschütz und Frauenkuss eines Sinnes mit Jeannée

23. Jänner 2015, 22:40
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"Krone"-Kolumnist zitiert Wrabetz: "Dass ich mit dem Inhalt Ihrer Post an den Ethikrat vollinhaltlich übereinstimme"

Wien - "Krone"-Kolumnist Michael Jeannée bekam Freitagfrüh, nein, keine Post von ORF-General Alexander Wrabetz, sondern einen Anruf. Um Jeannée darin zu bestätigen, was er am Freitag über den ORF-Ethikrat schrieb, über Christian Wehrschütz und über einen recht überraschenden Zungenkuss zweier Models in "leben heute". Das schreibt Jeannée nun in der Samstagausgabe.

"Vollinhaltlich übereinstimme"

Er zitiert Wrabetz so: "Lieber Herr Jeannée, ich möchte Sie davon in Kenntnis setzen, dass ich mit dem Inhalt Ihrer Post an den Ethikrat vollinhaltlich übereinstimme. Denn die Kritik an Herrn Wehrschütz, in der Tat einer meiner wertvollsten Mitarbeiter, ist ebenso unangebracht wie die lesbische Performance in 'heute leben'. Das ist es, was ich Ihnen sagen wollte. Einen schönen Tag noch."

"Hören's auf, wir kommen in die Zeitung!"

Montag stellte "leben heute" den Linzer Modemacher Mark Baigent vor, vier Models führten seine Werke vor. Zweien war offenkundig langweilig beim Smalltalk von Wolfram Pirchner mit Baigent, ob er denn nun auf der Straße eher als Priester oder als Kollege von Conchita Wurst angesprochen wird, der die von ihnen vorgeführten Gewänder leider ignorierte. Sie küssten einander, augenscheinlich mit Zuge. Pirchner ging rasch dazwischen: "Hören's auf, wir kommen in die Zeitung!" - Nachzusehen bis Sonntag hier in der TVthek.

"Lesbisch zungenpritscheln"

Was hat Jeannée darüber und über Wehrschütz geschrieben? "Wenn im Vorabendmagazin 'heute leben' zwei Models, die eingeladen sind, die Kreationen eines Jungdesigners vorzuführen, es ansatzlos live lesbisch zungenpritscheln lassen, darf das zumindest hinterfragt werden." - "Und so hinterfrage ich denn" - nämlich: Warum der Kommentar des Sendungschefs (laut Jeannée: "Mein Gott, Küssen ist doch gesund") kein Thema für den hausinternen Ethikrat ist?"

Andere Baustelle

Dazu gibt es eine relativ einfache Begründung: Der Ethikrat ist, soweit bisher bekannt, eher nicht zur Überwachung von ORF-Sendungen eingerichtet, ob sie die Grenzen des ohnehin schwer zu definierenden Anstands wahren. Wenn es dort zu weit geht und über die Grenzen des ORF-Gesetzes hinaus, wäre die Medienbehörde KommAustria eine geeignete Adresse.

Diesen Ethikrat hat Generaldirektor Alexander Wrabetz zusammen mit dem Redakteursrat eingesetzt, um auf den Verhaltenskodex für ORF-Journalisten in einem etwas anderen Zusammenhang zu achten. Generalthema des Kodex ist, so die Präambel: "Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit von existenzieller Bedeutung."

Werbung und Programm

Der - von Generaldirektor Alexander Wrabetz in Kraft gesetzte - Kodex regelt Auftritte von ORF-Mitarbeitern etwa bei Parteiveranstaltungen, aber auch wirtschaftliche Verflechtungen, "Authentizität" und die strikte Trennung von Werbung und Programm. Dieser letzte Punkt wäre wohl noch der passendste, um die Präsentation des Designers doch vor den Ethikrat zu bringen.

Jeannée vermutet

Der Krone-Postler hat eine andere Theorie, warum 'leben heute' mit der Einlage nicht vor dem Ethikrat gelandet ist:

"Meine Vermutung: Die Damen und Herren des von ORF-General Wrabetz persönlich eingesetzten Rates hatten 'Wichtigeres' zu tun. Nämlich jenen geharnischten Rüffel auszuarbeiten, mit dem einer der profiliertesten ORF-Redakteure jetzt belegt wurde: Ukraine-Korrespondent Christian Wehrschütz, weil er es gewagt hatte, auf der letzten ÖVP-Klubklausur einen, übrigens unbezahlten, Vortrag zu halten. . . was von den roten Wächtern der Küniglberger 'guten Sitten' als 'unvereinbar mit den ORF-Unabhängigkeitsverpflichtungen' scharf verurteilt wurde."

Auf diese Worte folgte Freitag - laut Jeannées nächster Kolumne - Wrabetz' "vollinhaltliche" Bestätigung.

Jeannee empfahl Wehrschütz am Freitag noch, das nächste Mal bei einer SPÖ-Veranstaltung aufzutreten - mit solchen Auftritten von Kollegen und Kolleginnen beschäftigt sich der Ethikrat freilich gerade. (fid, derStandard.at, 23.1.2015)

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