Mord und Vielfalt in "The Team"

Ansichtssache24. Jänner 2015, 12:00
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In Kopenhagen untersuchen Forensiker den Tatort in Schutzkitteln, und selbst das scheint manchem übertrieben: "Warum nicht gleich Schutzanzüge?", ätzt Harald Bjørn, dänischer Teamleiter bei Europol. In genau diesem Aufzug dreht Ermittlerin Jackie Mueller kurze Zeit später in Berlin akribisch jeden Bleistift um, sackt verdächtige Gegenstände in kleine Plastiktaschen ein und verschließt sie luftdicht. In Antwerpen ist ebenfalls ein Mord passiert, aber der Tatort spielt keine Rolle – hier wird um Zuständigkeiten gestritten und Äußerliches debattiert: "Vielleicht sollten Sie sich erst einmal kämmen", muss sich die belgische Alicia Verbeek von ihrem Kollegen sagen lassen. Andere Länder, andere Sitten.

foto: orf / networkmovie / frédéric batier

So vielfältig wie Europa, so kulturell geprägt sind die Zugänge der Ermittler in "The Team", der europäischen Fernsehserie, die am 5. März ORF-Premiere hat. Drei Einsatzgruppen aus drei verschiedenen Ländern sind mit grausigen Prostituiertenmorden konfrontiert und mit Nicolas Ofczarek in der Rolle eines litauischen Superbösewichts.


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foto: orf/networkmovie/sofie silbermann

"Belgier sind gewohnt, zu diskutieren, und das sogar laut", sagt Alicia-Darstellerin Veerle Baetens bei der Präsentation in Hamburg. "Wir sind emotionaler." Dass sie ihren Zorn in den Griff bekommen müsse, sei sie mehrmals von dänischer Seite aufgefordert worden. Die unterschiedlichen nationalen Temperamente lassen die dänischen Drehbuchautoren Mai Brostrøm und Peter Thorsboe genüsslich in "The Team" einfließen.

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foto: orf / networkmovie / sofie silbermann

Die Idee der Vielfalt Europas drückt sich in der Originalversion am deutlichsten aus: Die Teams sprechen untereinander ihre Sprache, die Zuschauer verfolgen die Dialoge mit Untertiteln. Wenn alle drei miteinander agieren, reden sie englisch. Nicht so in der deutschen Version: Sie ist durchgehend synchronisiert.

Das behagt nicht allen: "Es war unser bewusstes Ziel, eine moderne, vielsprachige Gesellschaft zu beschreiben", sagt Lars Mikkelsen, der den dänischen Teamleiter Harald spielt: "Das beinhaltet nun einmal, dass wir viele verschiedene Sprachen sprechen. Die Zuschauer sollten die Schönheit der Sprache hören können."

"Schade" findet das auch Baertens. "60 Prozent der Authentizität gehen verloren." Wie berichtet, zeigt der ORF "The Team" in vier synchronisierten Teilen ab 5. März im Fernsehen. Schon ab 22. Februar ist die Originalversion großteils auf dem ORF-eigenen Webportal Flimmit abrufbar.

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foto: orf / networkmovie / frédéric batier

Das europäische Koprodukt profitiert eindeutig von dänischer Serienkompetenz: Regie führten Kathrine Windfeld und Kasper Gaardsøe. Windfeld führte schon "Kommissarin Lund" zum Erfolg. Anfangs kommt einem in "The Team" denn auch so manches bekannt vor. Dunkelblaues Licht, trübe Stimmung, nicht nur draußen, sondern auch in den Seelen der Menschen. Grausame Verbrechen, familiäre Wickel, Wettrennen mit der Zeit, pulsierende Musik. Das wirkt erst wie am Reißbrett gemacht. Der geöffnete Raum ins mitteleuropäische Auge des Verbrechens ermöglicht eine hellere Präsenz: "Wir wollten ein bisschen wegkommen vom dunkelblauen, skandinavischen Licht", sagt Kaspar Gaardsøe.

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Dazu erlaubt sich "The Team" ein paar hübsche Kunstgriffe: die Videoübertragung eines Zugriffs mit Nachtsichtkamera, die Verfolgungsjagd im eisigen Gebirgsbach, eine Telefonrecherche am Rennrad in der Fußgängerunterführung Antwerpens, ein punktgenauer Einsatz der österreichischen Cobra und eine opernreife Trauerszene mit Sunnyi Melles. Die Deutsche mit dem Talent zur Theatralik vergleicht Mikkelsen gar mit Greta Garbo: "Sehr unterhaltsam."

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Zehn Millionen Euro soll das Ganze gekostet haben. Fünf Jahre dauerten die Arbeiten, acht Monate der Dreh. Vier Produzenten, darunter Superfilm, sind an Bord. Sieben Sender, auch ORF, sind beteiligt. Land Salzburg, Fernsehfonds und Filmfonds förderten.

Das Geheimnis des dänischen Serienwunders mit Erfolgen wie "Borgen", "Kommissarin Lund" und "The Bridge" erklärt Gaardsøe übrigens mit gegenseitigem Vertrauen: Regisseure und Autoren könnten weitgehend selbstständig arbeiten ohne die gefürchteten "Verbesserungsvorschläge" Außenstehender. Bei ihnen rede keiner dazwischen, sagt Gaardsøe. Das dürfte nicht nur Dänen gefallen. (Doris Priesching, DER STANDARD, 24./25.1.2015)

Die Reisekosten zur Präsentation übernahm der ORF.

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