Fernsehen gegen die Ansteckung

23. Jänner 2015, 18:02
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Wie schnell sich Seuchen ausbreiten, hängt vom Verhalten jedes Einzelnen ab - Der Verzicht auf Sozialkontakte spielt dabei eine Schlüsselrolle, wie eine US-Studie zeigt

Davis/Wien - Was tun, wenn eine neue Grippeepidemie durch das Land rollt und ein möglicher Impfstoff noch in weiter Ferne liegt? Daheimbleiben und fernsehen wäre ein guter Tipp, meinen US-amerikanische Wissenschafter in einer neuen Studie. Doch ganz so einfach ist die Angelegenheit dann doch nicht, wie der Schweinegrippeausbruch in Mexiko vor fast sechs Jahren zeigt.

Ist ein Impfstoff nicht verfügbar, muss man andere Wege gehen, um eine Seuche an ihrer Ausbreitung zu hindern. Im Englischen kennt man diese Strategien unter der Bezeichnung Non-Pharmaceutical Interventions (NPIs), also im Grund das, was man als Einzelner gegen die Weiterverbreitung tun kann: Hände waschen, Schutzmasken tragen und den Kontakt zu potenziell Infizierten so weit wie möglich vermeiden. Tatsächlich kommt vor allem Letzterem eine wesentlich größere Bedeutung zu, als man bisher angenommen hatte, wie nun eine aktuelle US-amerikanische Untersuchung belegt.

Die Wissenschafter vereinten in ihrer Arbeit epidemiologische und wirtschaftswissenschaftliche Ansätze und entwickelten daraus ein neues Modell, in dem menschliches Verhalten im Seuchenfall im Vordergrund steht. Als Grundlage ihrer Untersuchungen wählten die Wissenschafter den Ausbruch der Schweinegrippe in Mexiko-Stadt im April 2009.

Einander aus dem Weg gehen

"Die Schweinegrippe hätte vermutlich wesentlich mehr Opfer gefordert, wenn die Verbreitung der Krankheitserreger nicht dadurch eingeschränkt worden wäre, dass die Menschen einander aus dem Weg gingen", meint der Wirtschaftswissenschafter Michael Springborn von der University of California in Davis, Hauptautor der im Fachjournal BMC Infectious Disease erschienenen Studie.

Nachdem das A/H1N1-Grippevirus als neuer Stamm identifiziert worden war, ließen die Stadtväter von Mexiko-Stadt am 24. April 2009 alle öffentlichen Schulen schließen. Darüber hinaus wurden Maßnahmen zur sogenannten "sozialen Distanzierung" angeordnet. Wie die Menschen auf diese Anweisung reagiert haben, konnte das Forscherteam am TV-Konsum der Bevölkerung ablesen.

Tatsächlich erwiesen sich die TV-Einschaltquoten als sehr verlässliche Indikatoren: "Läuft der Fernseher, dann kann man davon ausgehen, dass zu dieser Zeit auch jemand zu Hause war", erklärt Springborn. Daran wiederum lasse sich einigermaßen zuverlässig das Maß der sozialen Interaktionen ablesen. "Unsere Untersuchungen zeigten, dass das Verhalten zu Beginn stark von der Epidemie beeinflusst wurde. Der Effekt klang allerdings schneller ab als erwartet", sagt Springborn. Die Wissenschaft kennt diese Dynamik als "Reboundeffekt": Die aktuellen Daten zeigten, dass die Bevölkerung beim Ausbruch einer Grippeepidemie zunächst zum Großteil folgsam auf die offiziell verbreiteten Richtlinien reagiert. Doch sitzt man erst einmal eine Weile im Eigenheim fest, wird der Drang, das Haus zu verlassen, immer stärker.

Für Springborn und seine Kollegen bedeutet das, dass der Vermeidung von Sozialkontakten als Maßnahme gegen die Ausbreitung einer Epidemie nur ein verhältnismäßig kleines Zeitfenster bleibt, ehe sich das aufgestaute Bedürfnis nach Outdoor-Aktivitäten Bahn bricht.

Historische Beispiele belegen das Phänomen: Eine australische Untersuchung zur Spanische-Grippe-Epidemie im Jahr 1918 zeigte, dass die Bevölkerung großteils wieder zur Tagesordnung überging, sobald das Risiko einer Ansteckung subjektiv als gering wahrgenommen wurde.

"Unsere Studie untermauert, dass das Wissen über das Verhalten der Menschen während einer Epidemie eine Schlüsselstellung einnimmt, wenn es darum geht vorherzusagen, wie sich eine Infektion ausbreiten wird", meint Co-Autor Gerardo Chowell von der Georgia State University.

Alter und Einkommen

Doch die Bevölkerung ist keine homogene Masse, die Daten aus Mexiko-Stadt liefern ein etwas differenzierteres Bild: So zeigten sich signifikante Unterschiede im Verhalten einzelner Altersgruppen und sozioökonomischer Schichten. Jugendliche und Kinder blieben durchschnittlich länger zu Hause als Erwachsene. Ebenso gab es Unterschiede beim Einkommen: Bei wohlhabenderen Teilen der Bevölkerung war der erhöhte TV-Konsum deutlich ausgeprägter als in ärmeren Schichten.

Die Autoren vermuten, dass Menschen mit geringerem Einkommen größere Probleme haben, Maßnahmen zum Selbstschutz zu ergreifen. Die Handlungsspielräume seien für diese Menschen eingeschränkt. Dies liegt unter anderem daran, dass sie etwa ihre Arbeitszeiten weniger flexibel einteilen können. Schlimmstenfalls verlieren die Betroffenen Geld oder gar ihre Stelle, wenn sie nicht zur Arbeit erscheinen.

Diesen demografischen Unterschieden kommt nach Ansicht der Forscher eine wesentliche Bedeutung zu, wenn es darum geht, Notfallpläne für den Ernstfall zu entwerfen. Darauf müssten die Verantwortlichen reagieren und entsprechende Maßnahmen setzen, die vor allem auf einkommensschwache Teile der Bevölkerung Rücksicht nehmen.

Die Schlussfolgerungen aus den erhobenen Daten seien eindeutig, betonen die Forscher: Verhaltensreaktionen haben einen deutlichen Einfluss darauf, wie eine Epidemie verläuft. "Das sollte mehr denn je in den Strategien der Behörden berücksichtigt werden", fordert Springborn. Etwa bei der konkreten Planung, wie man verfügbare Ressourcen zwischen pharmakologischen und nichtpharmakologischen Maßnahmen verteilt. (Thomas Bergmayr, DER STANDARD, 24./25.1.2015)

  • Massenveranstaltungen wie die Olympischen Spiele in London 2012 sind bei  Grippeepidemien zu vermeiden. Vor Ansteckung schützt nur: Hände waschen,  Schutzmasken aufsetzen, daheimbleiben.
    foto: reuters/kevin coombs

    Massenveranstaltungen wie die Olympischen Spiele in London 2012 sind bei Grippeepidemien zu vermeiden. Vor Ansteckung schützt nur: Hände waschen, Schutzmasken aufsetzen, daheimbleiben.

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