Mitdenken statt Mitlaufen

Userkommentar23. Jänner 2015, 19:00
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Ohne jene, die blind folgen, gäbe es keine Massenbewegungen der Unzufriedenen - Ein Aufruf, zu denken, zu reden, zu hinterfragen

Wir leben in einer Zeit, in der es notwendig werden wird, sich zu entscheiden. Ob man Mitläufer sein will und somit für ebenso schuldig befunden werden wird, wie jene, die zum Mitlaufen aufrufen. Oder ob man sich der Freiheit zu denken, zu reden, zu hinterfragen bedient, um die verlogenen Aufrufe, die uns zu nationaler und ideologischer Zugehörigkeit einladen, als das zu erkennen was sie sind: Intoleranz und Hass.

Ich spreche hier sowohl von den angeblichen politischen Strömungen aus der Mitte, den Wütenden, den Ohnmächtigen und den blind Gläubigen. Ich verurteile nicht eine Gruppierung oder einen Glauben. Ich verurteile all jene, die blind folgen, sich mit der einfachen Antwort, dass all die anderen Schuld an eigentlich allem haben, zufrieden geben und in blindem Hass die Parolen wider die anderen schmettern, die vor hundert Jahren zum ersten Mal einem Weltkrieg voraus gingen.

Ich verurteile also all jene, ohne deren passives Mitläufertum radikale Bewegungen - seien sie ideologisch, politisch oder religiös motiviert - erst gar keine Macht erlangen könnten. Pegida und radikale Islamisten - das eine kann ohne das andere nicht existieren. Die Namen sind dabei austauschbare Synonyme für die immer wieder gleichen von Machthunger getriebenen Systeme, deren Strukturen immer wieder programmatisch und absolut, jegliche Vernunft und Menschlichkeit verachtend, ein Feindbild generieren, dessen Ausmerzung am Anfang einer friedlichen und glücklichen Zukunft steht.

Kreislauf der Geschichte

Es ist eben jener blinde Glaube, der sich auch im Festhalten an längst Widerlegtem spiegelt, gepaart mit der Ignoranz und Faulheit des Individuums, dem es eigentlich an nichts mangelt und das dennoch unzufrieden ist, der uns als Zivilisation immer wieder an den Rand unseres eigenen Untergangs bringt.

Nur wer bereit ist, zu glauben ohne zu hinterfragen, wird sich einer Sache anschließen, die in ihrer Grundaussage im Idealfall dämlich, im schlimmsten Falle fatal ist. Ob diese Sache ein "… wir werden den Krieg nach Amerika tragen und euch zeigen wie es ist …", oder ein "… Europa der abendländischen Kultur …" ist, ist mir dabei egal.

Wer immer den Aufrufenden folgt, selbst die Hände zur Wut-Faust hochgereckt vor sich her trägt und diese unsäglichen, Jahrtausende alten Parolen nachgeifert, die dem Tode so vieler Millionen Menschen in den Millennia unserer Zivilisationen voraus gingen, der ist es, dem ich meine tiefste und ehrlichste Abscheu entgegen bringe. Denn ohne jene, die blind folgen, gäbe es keine Massenbewegungen der Unzufriedenen. Es gäbe nicht Hunderte, die bereit wären, sich für die ihnen als ihre eigenen eingetrichterten Überzeugungen zu opfern und als Selbstmordattentäter ihren Zorn unter die anderen, die angeblich Schuldigen an allem Leid, zu bringen.

Schuldig!

Was beim Sport schon beinahe ein Mantra für die Unsportlichen ist, nämlich "dabei sein ist alles", ist in den Köpfen der Mitläufer wohl immer noch nicht angekommen. Deshalb als Merksatz: Wer mitläuft, ohne zu hinterfragen, und mitgrölt, ohne nachzudenken, ist ebenso schuldig an dem was passiert, wie jene, die aufrufen. (Dominik Kornthaler, derStandard.at, 23.1.2015)

Dominik Kornthaler, Studium der Biologie und Ökologie in Innsbruck und Uppsala, im Bereich nachhaltiger Entwicklung tätig.

  • "Die Mauer in den Köpfen muss weg": Gegen-"Gida"-Statement vergangenen Montag in Berlin.
    foto: epa/paul zinken

    "Die Mauer in den Köpfen muss weg": Gegen-"Gida"-Statement vergangenen Montag in Berlin.

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