Keine Märchen: Einkommen steigen, Armut ist rückläufig

Kommentar der anderen23. Jänner 2015, 17:08
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Aus Statistiken lesen viele heraus, was sie gerne hineininterpretieren möchten - Nachrechnen wäre gefragt

Der im Dezember 2014 erschienene Einkommensbericht des Rechnungshofs wurde für das übliche Mantra herangezogen, wonach die Einkommen sinken, Einkommen immer weiter auseinanderklaffen und Frauen benachteiligt seien. Bei näherer Betrachtung - und die Methode ist auch auf den eben veröffentlichten Sozialbericht des Sozialministeriums anwendbar - zeigen sich ganz andere, vielfach erstaunliche Ergebnisse.

Zunächst wendet der Rechnungshof auf Basis der Zahlen von Statistik Austria dieselbe Methode wie in den letzten Jahren an: Der Durchschnittslohn wird ermittelt, indem die Lohnsumme durch die Anzahl der Arbeitnehmer dividiert wird. Bekannt ist der Trend, dass vor allem Frauen, die früher als Hausfrauen am Arbeitsmarkt inaktiv waren und daher nicht in der Statistik mitzählten, heutzutage in Teilzeit, vielfach auch nur geringfügig erwerbstätig sind. Dadurch vergrößern sich die Anzahl der Arbeitnehmer und eben auch der Divisor bei obiger Rechnung, was rein statistisch das durchschnittliche Erwerbseinkommen dämpft, obwohl der Wohlstand in den betreffenden Haushalten tatsächlich steigt.

Durch diesen Effekt sind die durchschnittlichen Erwerbseinkommen von Arbeitnehmern seit 1998 statistisch real (d. h. nach Abzug der Inflationsrate) um vier Prozent gesunken. Natürlich schlug diese Hiobsbotschaft medial voll ein, nicht allerdings der Hintergrund. Dabei erwähnt der Bericht diesen Teilzeiteffekt durchaus (etwas versteckt auf Seite 20) und stellt im Gegensatz zur allgemeinen Botschaft fest, dass "ganzjährig Vollzeitbeschäftigte in der Beobachtungsperiode 2004 bis 2013 auch nach Berücksichtigung der Inflation im Mittel einen realen Zuwachs der Bruttojahreseinkommen von fünf Prozent erzielen konnten". (Seite 28)

Zum selben Ergebnis hätte man bei Betrachtung der Kollektivvertragsabschlüsse der letzten Jahre und Jahrzehnte kommen können: Die lagen nämlich alle über der Inflationsrate und erhöhten so die Realeinkommen.

Der Rechnungshof stellt auch fest, dass Niedrigeinkommen sich statistisch besonders schwach entwickelt haben. Das wurde gleich im Sinne des Mantras interpretiert, dass Arme immer ärmer, Reiche immer reicher würden. Dabei schlägt hier der Teilzeiteffekt umso stärker zu: Denn die zusätzliche Anzahl an geringfügigen und Teilzeiteinkommen wird überwiegend dem Niedriglohnsektor zugeordnet. Da es sich hier meist um Zusatzeinkommen handelt, die den Wohlstand in den betreffenden Haushalten mehren, folgt daraus keineswegs, dass die Armut in Österreich zunimmt. Das bestätigt auch die aktuelle Wifo-Studie über Verteilungseffekte einer Entlastung geringer Erwerbseinkommen, wonach ein niedriger Lohn meist auf (freiwilliger) Teilzeitarbeit beruht und nur zu einem kleinen Teil Armutsgefährdung bedeutet. Dementsprechend ist auch die absolute Armut in Österreich rückläufig.

Zahlen über Einkommensunterschiede werden in den Medien gern aufgegriffen. Nach dem Rechnungshofbericht verdienen vollzeitbeschäftigte Frauen im Schnitt 82 Prozent dessen, was Männer verdienen. Der Einkommensunterschied beträgt demnach 18 Prozent. Als einen wesentlichen Grund nennt der Bericht, dass Frauen überproportional in Branchen mit niedrigem Einkommensniveau tätig sind. Aber sie holen auf: Das Einkommen vollzeitbeschäftigter Frauen stieg zwischen 2004 und 2013 real um acht, das der Männer nur um drei Prozent (Seite 28). Teilzeitbeschäftigte Frauen verdienen sogar mehr als Männer in Teilzeit.

Wirtschaft ist schuld?

Größer als bei Arbeitnehmern sind die Einkommensunterschiede bei Selbstständigen: Frauen verdienen hier nur 61 Prozent des Einkommens der Männer, bei den ausschließlich selbstständig Erwerbstätigen sogar nur 56 Prozent. Auch innerhalb homogener Branchen, z. B. bei selbstständigen Ärzten, zeigen sich massive Unterschiede, die jedenfalls nicht Arbeitgebern zugeschrieben werden können. Dennoch richten sich die Vorwürfe gegen die Wirtschaft.

Fazit: Auf den ersten Blick bietet der Rechnungshofbericht Stoff für die üblichen einfachen Wahrheiten und dramatischen Botschaften. Bei genauerer Betrachtung ist das (langweilige) Ergebnis: Die Einkommen in Österreich steigen, Teilzeit erhöht den Wohlstand, die Armut ist rückläufig. (Rolf Gleissner, DER STANDARD, 24.1.2015)

Rolf Gleissner ist stv. Leiter der Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit in der Wirtschaftskammer Österreich.

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