Selfiegespenster aus der Warhol-Factory

23. Jänner 2015, 17:16
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Chris-Haring-Uraufführung im Tanzquartier Wien

Wien - Wie in Trance irren Gespenster durch flackernde Bilderverliese. Ihre Benommenheit hat Marshall McLuhan als jene beschrieben, die dem Narziss widerfuhr, als er süchtig nach seinem Spiegelbild wurde: Narkissos, der griechische Name der mythischen Figur, und die Narkose, so der Medienphilosoph, seien nicht ohne Grund wortverwandt.

Der österreichische Choreograf Chris Haring ist für sein neues Stück Shiny, shiny ... - Imploding Portraits Inevitable, das gerade im Tanzquartier Wien gezeigt wird, mit den Tänzerinnen und Tänzern seiner Gruppe Liquid Loft in die Gewölbe der 1960er-Jahre hinuntergestiegen. Konkret in Andy Warhols New Yorker Factory, dieses großartige Psychokabinett mit dem Nimbus des Legendären.

Aus Warhols "Exploding Plastic Inevitable"-Eventserie von 1966/67 ist bei Haring eine Implosion des Porträts geworden. Der Haupttitel des Stücks stammt aus den Lyrics von Venus in Furs der Factory-Band The Velvet Underground. Das Motiv der Porträts bezieht sich auf Warhols berühmte "Screen Tests"-Filme und - unter anderem - auf Chris Harings frühere Arbeit Talking Head, in der er sich über den Narzissmus in den sozialen Medien lustig macht.

Was der luzide McLuhan, ein wenig geblendet von seinem Sixties-Optimismus, noch nicht vorausgeahnt hat, wird heute - auch bei Shiny, shiny ... - immer deutlicher sichtbar: wie das Spiegelbild des Narkissos das Regiment übernommen hat, dem sich Millionen narkotisierter Mediensubjekte freudig unterwerfen. So werden, in geistiger Unschuld, Untote als Abbilder ihrer eigenen Selfies produziert.

Dabei hat sich die gute alte Frage "Wer bin ich?" abgewandelt in: "Wie wirkt mein Bild?" Genau das führt Shiny, shiny ... vor. Im Bilderfluss der Performance spülen zwei Kameras, zwei Projektoren, eine Soundanlage und ein paar Scheinwerfer die sechs Figuren auf der Bühne in sich und scheiden sie wieder aus: Ihre Gesichter, ihre Körper, ihr Verhalten werden virtuos verschattet, zerleuchtet und durchmischt. Damit ist dem Liquid-Loft-Trio Chris Haring, Andreas Berger und Thomas Jelinek wieder ein außerordentliches Tanzstück gelungen. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 24.1.2015)

Bis 24. 1.

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