Rollentausch zur Eherettung

23. Jänner 2015, 17:17
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Neues Glattauer-Stück in den Kammerspielen

Wien - Joana und Valentin Dorek sind als Paar ein bestens eingespieltes Team. Nur leider verstehen sie sich nicht so gut. Oder meinen die Gedanken und Gefühle des jeweils anderen nur zu gut zu verstehen. Es ist auf jeden Fall, wie oft bei Zwischenmenschlichem, kompliziert. Was bleibt, wenn man einander nur noch angiftet? Man geht zum Paartherapeuten, um sich dort unter Aufsicht anzugiften.

Daniel Glattauers Buch Die Wunderübung, vom Autor bereits als "eine Komödie" untertitelt, gibt den Verlauf der ersten Therapiestunde wieder. In den Wiener Kammerspielen kam es nun zur bereits mit Erscheinen des Sitzungsprotokolls geplanten Uraufführung als Bühnenstück. Ein weiterer Erfolg ist zu erwarten: Karten für die kommenden Vorstellungen waren bereits vor der Premiere ein rares Gut.

Wie bei Glattauers Mail-Romanzen Gut gegen Nordwind und Alle sieben Wellen führt erneut Michael Kreihsl Regie, bei den Darstellern greift man auf Schauspieler zurück, die primär mit Fernsehproduktionen ihre Semmeln verdienen: Aglaia Szyszkowitz spielt die spitzzüngige Joana, Bernhard Schir ihren zwischen Wurschtigkeit und Zorn pendelnden Mann Valentin. Jürgen Tarrach ist als Eheberater in Cordhose (Kostüme: Erika Navas) um Gemütlichkeit bemüht. Mit seinen altbewährten Methoden stößt er jedoch an Grenzen, denn wenn Joana und Valentin einmal Tempo aufgenommen haben, verhallt ein fröhlich eingeworfenes "Rollentausch!" ungehört.

Die Streitenden haben von Glattauer nicht nur Argumentationen in den Mund gelegt bekommen, die so klischeehaft sind, dass wirklich jeder etwas damit anfangen kann. Mitsamt den dazugehörigen Retourkutschen sind diese auch so pointiert, wie sie einem im echten Leben bestenfalls hinterher einfallen.

Die Eheleute zanken sich derart meisterhaft, dass sie in der zweiten, handlungsgetriebeneren Hälfte des Stücks selbst ihrem Therapeuten helfen, als dieser ihnen offenbart, gerade von seiner Frau verlassen worden zu sein. Der Eheberater ist, auch durch Tarrachs Spiel, die komische Figur der Inszenierung. Gelacht wird jedoch mehr über die von Szyszkowitz und Schir nie der Albernheit preisgegebenen Doreks. Dass sie so sind, wie man Eheleute zu kennen glaubt, sorgt für Heiterkeit und ist zugleich eine Schwäche des Stücks. Überraschungen sind hier nämlich keine zu finden. (Dorian Waller, DER STANDARD, 24./25.1.2015)

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