Antonio Fian: Vordenker

23. Jänner 2015, 17:04
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Kaffeehaus. An einem der Tische drei österreichische Nachwuchspolitiker, in ihrer Parteizugehörigkeit noch schwankend zwischen ÖVP und Neos, beim morgendlichen Caffè Latte

DER JÜNGSTE: Also, dass so viele Zeitungen diese Karikaturen nachgedruckt haben nach den Anschlägen in Paris, war mutig, finde ich. Ungewöhnlich für Österreich.

DER ÄLTESTE: Mutig? Bitt' dich! Schwanzeinziehen vor dem Mainstream nenne ich das. Da ist mir ja der Falter noch lieber! (Zitiert:) "Wir halten, anders als die getöteten Kollegen von Charlie Hebdo, Blasphemie nicht für ein taugliches Stilmittel." Und im Artikel dann leere Kasteln, in denen ganz klein steht, was drin zu sehen gewesen wäre. Das ist mutig. Relativ jedenfalls.

DER MITTLERE: Stimmt. Noch mutiger ist allerdings der Heini Staudinger in der Kronen Zeitung. Er, sagt er, würde nämlich in so einem Fall nicht sofort sagen, wir müssen jetzt unsere Pressefreiheit verteidigen, sondern er würde möglichst schnell mit allen ausmachen, dass jetzt keine blöden Witze über den Propheten Mohammed gemacht werden.

DER ÄLTESTE: Aber am mutigsten ist halt doch der Kardinal Schönborn, wenn er in Heute sagt, man muss an die traurige Geschichte von verhetzenden, antisemitischen Karikaturen in Österreich im späten 19. Jahrhundert denken. (Zitiert:) "Diese giftige Saat ist aufgegangen und hat zu den Massenmorden an den Juden beigetragen. Hätte es damals deutliche Schritte gegen diese Hetze gegeben, vielleicht wären viel Leid und schreckliche Schuld vermieden worden."

DER MITTLERE (nickt): Wenn's wirklich kritisch wird: Auf die Katholen ist Verlass.

DER JÜNGSTE (bestürzt): Meint ihr ... Meint ihr damit, dass auf lange Sicht die Terroristen das Richtige - ?

DER ÄLTESTE: Still! Zu mutig muss man auch nicht sein.

(Vorhang)

(Antonio Fian, DER STANDARD, 24./25.1.2015)

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