Mit voller Deutlichkeit und großem Verständnis für den Tonfall

23. Jänner 2015, 17:23
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Das London Symphony Orchestra und Dirigent Robin Ticciati im Wiener Konzerthaus

Wien - Debussy lebt! Dieser Meinung könnte man bei der Musik Toshio Hosokawas verfallen: Großflächige Klangmalereien in vertrautem Wohllaut, die sich wellenartig kräuseln, blumige Metaphorik - und immer wieder das Meer als Bezugspunkt. Freilich verfolgt der Japaner auch eine metaphysische Schiene, die sich aus dem Zen-Buddhismus speist. Seine blühenden Klänge sind mit sich im Reinen. Entsprechend gibt es auch bei "Blossoming II" mehr Kontinuum als Kontrast, mehr In-sich-Ruhen als Konflikt.

Insofern passte das mit Hingabe und Perfektion aufgeführte Farbenspiel zu den beiden europäischen Werken des frühen 20. Jahrhunderts, die das London Symphony Orchestra und Dirigent Robin Ticciati ins Konzerthaus brachten: Denn sowohl Maurice Ravel als auch Gustav Mahler formulierten ihre Träume von Reinheit, Idylle und Erlösung oder zumindest Gelöstheit - auch wenn beide nur zu genau wussten, dass es beim Traum bleiben musste. Ticciati machte das insbesondere bei Mahlers 4. Symphonie deutlich - kleine Irritationen beim Publikum waren die Folge.

Doch der Reihe nach: Der Mittelsatz von Ravels 1. Klavierkonzert ist ein Versuch, Mozarts Geist in die 1930er-Jahre zu retten - seine betörende Melodik begegnet jedoch albtraumhaften Ahnungen. Solist Simon Trpceski - fulminant in den beiden Ecksätzen - spielte das mit kantablem Legato, aber mit einem leichtem Hang zum Kitsch. Wie kunstvoll die Orchesterstimmen im Stück ineinandergreifen, ist nur selten ganz zu hören - hier wurde es erfahrbar: ausgewogen, klar und klangvoll.

Mit ähnlicher Übersicht ging Ticciati bei Mahler zu Werke: Fast durchgängig kamen die widerstrebenden Schichten der Partitur zu ihrem Recht - und damit kam zum Vorschein, dass das Stück entgegen seinem "klassizistischen" Ruf nicht weniger zerklüftet ist als seine Schwesternsymphonien. Präzise, mit großem Verständnis für den Tonfall und den brüchigen Ausdruck, wurden auch die heiklen Tempo- und Vortragsanweisungen realisiert - bis hin zum "sehr behaglichen" Finale, in dem Mezzosopranistin Karen Cargill nicht sehr wortdeutlich die "himmlischen Freuden" strömen und letztlich gemeinsam mit dem Orchester verstummen ließ. (Daniel Ender, DER STANDARD, 24.1.2015)

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