Tretet ein, wer kein Feind!

Glosse23. Jänner 2015, 16:29
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Eine kurze Geschichte vom langen Untergang des Hauses Kavanjin-Capogrosso

Der Sommer in Sutivan hat für mich seinen konkreten Beginn nicht bei der Ankunft sondern erst ein, zwei Tage später, wenn mich mein Großvater bei der Hand nimmt, wir die gut zwei Kilometer entlang des Meeres bis zum Hafen gehen und im Tourismus-Büro die Anmeldeformulare ausfüllen. Danach sind wir Stivanjani auf Zeit, die gewisse Taxen für die Dauer des Aufenthaltes entrichten müssen. Als lustigste empfinde ich die "kupališna taksa", also die Badesteuer, deren Entrichtung zum Betreten der Adria ermächtigt. Eine andere Abgabe ist für die Säuberung der Strände zu entrichten. Damals, in den 1970ern ist das eine Arbeit, die der einäugige Armini in zwei, drei Stunden erledigt, weil die Adria noch kaum Abfälle ausspuckt. Außerdem säubert Armini nur den Strand von Sutivan, der Bunta heißt und bei der Südausfahrt liegt und die Lučica, am Nordende des Dorfes. Lučica bedeutet "kleiner Hafen", aber es ist nur ein kleiner Strand aus runden, schneeweißen Kieselsteinen. Früher ziehen die Fischer hier ihre Boote an Land, wenn es Zeit für das Kalfatern ist. Dann füllen die Fischer Dichtungswolle und Teer in die Fugen zwischen den Planken, so dass am Ende der Strand der Lučica aussieht, wie nach einem Tankerunfall.

Die Touristen kommen

Doch das sind frühere Zustände. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wird das Kalfatern in der Lučica verboten, der Strand zum Badestrand gewidmet, weil der Tourismus, nach seiner Unterbrechung durch Adolf Hitler, wieder erblüht. So hat Armini weder mit der Bunta noch mit der Lučica große Mühe, aber die Taxe bezahlt sein Gehalt als Dorfstraßenkehrer, Pfleger zweier Strände und als Marinero für das Schiff aus Split, das täglich zwei Mal in Sutivan anlegt. Zudem bleibt von der Taxe noch ein üppiger Rest in der Gemeindekassa. Und es kommen jedes Jahr mehr Touristen nach Sutivan. Bald müssen Großvater und ich in einer Schlange mit gewöhnlichen Touristen stehen und warten bis wir an die Reihe kommen, um Stivanjani auf Zeit zu werden. Und Armini verdient inzwischen ein Zubrot als freischaffender Gepäckträger.

Reichtum und Armut

Doch am Anfang der 1970er Jahre, lange bevor Parkplätze in Sutivan ein Thema im Gemeinderat werden, bekomme ich von der schönen Rosaria ein Glas Wasser im Tourismusbüro. Man nennt sie in Sutivan so, weil sie Elisabeth Taylor sehr ähnlich und daher schön zu nennen ist. Während Großvater die Pässe aus der Tasche kramt und mit Rosaria austauscht, was es neues in der Familie gibt, trinke ich gierig das kalte Wasser, weil der Marsch zum Büro in der Hitze des Vormittags durstig macht. Es ist kühl hier, die Wände des Büros sind mehr als einen halben Meter dick und bestehen aus Steinquadern. Die schöne Rosaria hat sogar einen dünnen Pullover über die Schultern gehängt. Während ich trinke betrachte ich die Möbel, die aus der Dunkelheit ragen. Da ist ein riesiger Tisch mit dicken gewundenen Beinen. Später weiß ich, das es ein Tisch aus dem Barock ist. Genauso wie die Vitrinen, Sessel und eine Kommode. Weil das Tourismusbüro in einem barocken Haus eines toten, barocken Dichters untergebracht ist, das seit dem fernen Jahr 1705 hier steht.

Das Haus und der Garten dahinter heißen Kavanjinovi Dvori. Dvori bedeutet "Gutshaus" oder "Residenz". Es ist jedoch ein bescheiden einstöckiger, schmuckloser Gebäudekomplex, den der kroatische Dichter Jerolim Kavanjin Capogrosso am Hafen errichtet und am Anfang des 18. Jahrhunderts als Sommerresidenz nutzt. Das Haupthaus und der Zubau für Diener und Köchin bilden ein "L", die Fassade des Herrnhauses zeigt nach Westen, aus den Fenstern sieht man über den ganzen Hafen. Alles ist aus weißen Steinquadern gebaut, das Dach mit roten Dachziegeln gedeckt. Vor dem Gebäude ist eine große Terasse im venezianischen Stil unter der eine Zisterne das Regenwasser sammelt. Der Abschlußstein der Zisterne ist wie eine Lilie geformt. Im Erdgeschoß ist der Salon des Kavanjin, der gleichzeitig sein Arbeitszimmer ist. Oben sind die Schlafräume der Familie, die nach zahlreichen Todesfällen klein ist. Hinten, nach Osten, ist ein großer Garten und noch eine Zisterne.

An Jerolim Kavanjin Capogrosso kommen bereits Generationen von Slawistikstudenten der kroatischen Literatur nicht vorbei. Sie werden gezwungen Textanalysen an Kavanjins Opus Magnum vorzunehmen, das aus einem Gedicht besteht, das viele hundert Seiten lang ist. Es handelt von Reichtum und Armut und hat, wie die Slawistikstudenten lernen, eine religiöse, eine gesellschaftspolitische und eine patriotische Komponente. Was aus Kavanjin eine Art Popstar der barocken, kroatischen Dichtung macht. Und zur Pflichtlektüre für Kroatisten weltweit. Die Studenten lernen sogar, das "Bogatstvo i Uboštvo" (Reichtum und Armut), wie Kavanjins Marathongedicht unter Fachleuten heißt, genau hier entsteht, wo die schöne Rosaria mit meinem Großvater plaudert und das Kavanjin es an diesem dickfüßigen Tisch sitzend schreibt, auf dem ich mein leergetrunkenes Glas abstelle.

Wenn alle Formulare ausgefüllt sind und Großvater alle Gebühren entrichtet, verabschieden wir uns von Rosaria und lassen sie in der dunklen Kühle der Dvori zurück. Wenn ich plötzlich wieder die Sonne auf der Haut spüre, beginnt mein Sommer in Sutivan. Viele Jahre später bin ich auch ein Student der Kroatistik, doch mein Studium breche ich ab, bevor Kavanjin dran ist. Alles was ich über ihn und sein Haus in Sutivan weiß, lese ich in Büchern. Immerhin ist Kavanjin so bedeutend, dass es mehr als ein halbes Dutzend Autoren, die Mühe wert finden über ihn zu schreiben. Alle eint die Erkenntnis, dass seine Sommerresidenz in Sutivan sowas wie eine Retorte für den bedeutenden Gedichtwälzer ist. Doch, wie in seiner Zeit üblich, ist Kavanjin auch ein Naturforscher, der sich für Pflanzen und Insekten interessiert. Damals heißt das "Natirphilosoph". Und es sorgt für Reibereien mit einigen Stivanjani, die in jahrelangen Rechtsstreit und dem Antun typisch dörflicher Gemeinheiten ausarten. Bis heute heißt ein Teil von Sutivan "Čelinjak", was von "Pčelinjak" kommt und Bienenhaus bedeutet und weil in diesem Teil des Dorfes Kavanjin dutzende Bienenhäuser betreibt. Er erforscht die Bienen und isst den Honig. Was überbleibt, lässt er sein Personal am Markt verkaufen. Doch die schwärmenden Bienen werden manchmal zur Plage, einige Stivanjani werden böse gestochen, man beschwert sich, man murmelt Flüche, ballt Fäuste. Und eines Morgens sind fast alle Bienenvölker des Kavanjin tot.

"Ostium Non Hostium"

Weil Kavanjin als junger Mann an einigen Kriegen teilnimmt, lässt er sich nicht einschüchtern und übersiedelt seine Bienen in den Garten hinter seinem Haus mitten in Sutivan. Danach geschehen zwar weiterhin Unfälle mit schwärmenden Bienen, doch wer an den Völkern Rache üben will, muss in sein Heim eindringen, wo Kavanjin mit geladenen Flinten und Pistolen genau darauf wartet. Damit die Stivanjani auch die Botschaft verstehen, lässt Kavanjin am Nebeneingang eine Schießscharte anbringen, die mehr eine Zierde oder ein Rufzeichen für die Botschaft ist, die er über dem Torbogen einmeisseln lässt. "Ostium Non Hostium" steht bis heute über dieser kleinen Tür mit der Schießscharte; "Den Feinden kein Eingang!" Das Kavanjin doch ein wenig Weltfremd ist, sieht man an seinem Festhalten an den Bienen. Ein Mensch ohne Herrendenken würde um des lieben Frieden willens, den Bauern und Fischern (und einigen Adeligen), die seine Bienen ärgerlich finden, die streitstiftenden Bienenhäuser nicht vor die Nase stellen, sondern auf einem seiner Grundstücke weiter draußen. Der andere Zeig auf seine Weltfremde besteht in seinem naiven Glauben, die Stivanjani würden Latein verstehen. Nur die Adeligen können die Botschaft entziffern und wissen, was über dem Torbogen geschrieben steht. Das halten sie jedoch vor dem Pöbel geheim. So lachen die Stivanjani lediglich über Kavanjins theatralische Schießscharte. Und Kavanjin sitzt an seinem großen, dickbeinigen Tisch, neben sich eine geladene Steinschloßpistole uns schreibt in einem Gedicht über die Stivanjani, die ihm Ärger bereiten. Er nennt sie aber nirgends mit Namen, sondern sagt nur, es seien "die, die pfurzen und pfürzeln, die stinken und michteln".

Sommernachtsstöhnen

Irgendwann, nicht lange nach Kavanjins Tod, meldet sich kein Erbberechtigter mehr und die Dvori gehen in Gemeindebesitz über. Zu dieser Zeit sind die ärgerlichen Bienenvölker längst tot, die Teppiche, die Bibliothek und die meisten Möbel nach Split in den Wohnsitz der Familie Capogrosso abtransportiert. Danach ist das Haus für Jahrzehnte nur ein Geisterhaus, das zwischendurch mal gut, mal weniger gut, genutzt wird. Am Ende des Zweiten Weltkrieges ist hier das Partisanenspital. Daran erinnert eine Tafel, gespendet vom lokalen Zweig des Verbandes der Kämpfer des Volksbefreiungskrieges. Zumindest ist dieser Gebrauch der Dvori ein humanistischer. Unser kindlicher Mißbrauch der Kulturstätte ist hingegen ganz und gar unschuldig. Erst ist die Mauer der Terasse aus der eine riesige Pinie und am anderen Ende eine riesige Palme wächst, ein Treffpunkt bevor das Kino beginnt. Später, als die Hormonpest uns befällt, ist der Garten des Kavanjin, gleich hinter dem Kino, der Ort erster schwitziger Betastungen und feuchter Küsse. Und wahrscheinlich ist der Garten den Stivanjani seit Generationen ein Ort für den ersten jugendlichen Sex. Aber weil Kavanjin ein bedeutender Dichter ist und weil seine Dvori dadurch ein kultur-historischer Ort sind, der ungenutzt verfällt, beschließt die Gemeinde, Garten und Dvori des Kavanjin in Pacht zu geben. Und eines Tages, Anfang der 80-er Jahre, macht das System der Arbeiterselbstverwaltung Schluß mit dem Sommernachtsstöhnen im Garten des Kavanjin.

Arbeiterseltsverwaltung

Ein Politologe aus Deutschland, der damals auf Brač lebt, um die Wunder der Arbeiterselbstverwaltung in ökonomischen Mikrostrukturen zu studieren und darüber ein Buch zu schreiben, erklärt mir die Arbeiterselbstverwaltung haarklein. Ich bin zwar nur an seiner Tochter interessiert, doch der Weg zwischen ihre Schenkel führt über den Vortrag des schon leicht angetrunkenen Vaters. So erfahre ich, das die Arbeiterselbstverwaltung ein logischer Schritt zum endgültigen Sozialismus sei und das die jugoslawischen Kommunisten als erste von allen ernsthaft dabei seien, alle marxistische Utopie wahr werden zu lassen, deren Zentrale Forderung lautet, die Produktionsmittel in die Hand der Arbeiter zu geben. Doch obwohl ich die Mimikri der Aufmerksamkeit sogar mit Nachfragen und verstehendem Nicken unterstütze, bleiben die Schenkel der Tochter für mich geschlossen. Aber seit diesem Abend beobachte auch ich die Wirkung der Arbeiterselbstverwaltung auf die ökonomischen Mikrostrukturen von Sutivan. Die Kavanjinovi Dvori sind eine solche Mikrostruktur und werden zum Angelpunkt der praktischen Anwendung der Arbeiterselbstverwaltung in Sutivan. Was dabei mit den Dvori des Kavanjin geschieht, lernen die Studenten der Kroatistik – noch – nicht.

Als ich in diesem Sommer in den frühen 80-ern nach Sutivan komme, ist der Garten der Kavanjinovi Dvori mit Tischen und Sesseln zugestellt, es wimmelt von essenden Touristen. Eine von Arbeitern selbstverwaltete Touristikfirma aus Slowenien erkennt das Potenzial der kulturhistorischen Liegenschaft in Sutivan und pachtet sie für zehn Jahre. In den barocken Räumen, die Kavanjin einst zum Brüten über Reichtum und Armut durchschreitet, ist eine Linienküche eingebaut. Die Zimmer sind mit Gipsplatten in Schlafkojen für das Pesonal unterteilt. Der aus dem Barock stammende Verputz der Wände ist an vielen Stellen aufgestemmt, um Strom und Wasser für den Restaurantbetrieb einzuleiten. Die Essenden sind eine Meute Touristen, die dieselbe Firma in Arrangement-Paketen in angemieteten Zimmerkapazitäten in Sutivan unterbringt. Die Gemeinde ist happy, weil sie die Pacht kassiert. Viele Stivanjani sind happy, weil ihre Zimmer langfristig ausgebucht sind. Und sogar Herr Adem Ademi, der kosovarische Konditor von Sutivan ist happy, weil sein italienisches Milcheis den Touris besser schmeckt, als der Mist, den sie in der barocken Mensa bekommen.

Diese Vergewaltigung der Kavanjinovi Dvori dauert drei Jahre, dann ist die Touristikfirma nicht mehr an diesem Standort interessiert und verschwindet buchstäblich über Nacht aus Sutivan. Man munkelt sogar, die Firma sei einige Pachten und auch Rechnungen für Strom und Wasser schuldig geblieben. Nun sind viele Stivanjani nicht mehr happy. Zumal auch andere Wunder, die die Arbeiterselbstverwaltung verspricht, nicht eintreten. Im Gegenteil. Alle von Arbeitern selbstverwalteten Firmen, geraten zu Krisenfällen. Und am Ende ist die Arbeiterselbsverwaltung doch nur Scheinkapitalismus mit sozialistischer Augenklappe. Oder nur Betrug und Verzögerungstaktik. Die Wahrheit, die nicht einmal der angetrunkene Politiloge aus Deutschland sehen kann (oder will) ist einfacher. Der jugoslawische Kommunismus ist schlicht pleite und kann die Zinsen für die Kredite, die die goldenen 70.er ermöglichen, nicht mehr bedienen. Also gibt man die Produktionsmittel, wie man es schon seit vierzig Jahren verspricht, Propagandawirksam den Arbeitern in die Hände. Man vergisst nur, den Arbeitern zu sagen, das die Produktionsmittel ausgesaugte Hüllen sind, die von niemandem auch nur einen Dollar Kredit bekommen werden. So einfach wie diese Wahrheit, ist dann auch das Ende der Arbeiterselbstverwaltung. Ganz Jugoslawien geht in die Pleite und was übrig bleibt, frisst die Horrorinflation ab Mitte der 80-er Jahre.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Und am Ende des sozialistischen Märchens sehen die Kavanjinovi Dvori aus wie der ausgepeitschte Rücken eines Sklaven. Der Garten, in dem Kavanjin einst seltene Pflanzen aufzieht und studiert ist jahrelang von rostigen Sesseln und Tischen vollgestellt. Nach und nach kommen Stivanjani und tragen die meisten weg. Die Küche wird aufgegeben, wie ein sinkendes Schiff, so dass mancher Teil davon bis heute in einem der Restaurants von Sutivan steht. Die Besitzer dieser Restaurants sind im übrigen Teil jener, die mit der Verpachtung der Kavanjinovi Dvori nie happy werden. Sie bieten der Firma damals auch ihre Dienste zur Bekochung der Touris, doch man schändet lieber die Dvori, weil das trotz Einbau einer Küche und Personalkosten ein wenig billiger ist, als das Angebot der lokalen Gastwirte. Die anderen Stivanjani, die mit dieser Pacht nie happy werden, sind die, die es für eine Schande halten, die Dvori des Kavanjin so zu missbrauchen. Doch diese Stivanjani sind nur eine hoffnungslos kleine Minderheit. Der große Rest, sieht die Sache gelassen wie immer. Das sind jene, die von der Pacht und dem Touristentrubel weder gewinnen, noch verlieren. Und Herr Adem Ademi. Er meint bloß, es gäbe halt gute Zeiten und schlechte Zeiten, die Guten nutzt man, damit man die Schlechten besser übersteht. Kurz vor dem Krieg in Kroatien, verlässt Herr Adem Ademi Sutivan. Angeblich pachtet er eine Konditorei in Montenegro.

Heute, einen Krieg und einen Brand später, sind die Dvori teilweise einsturzgefährdet und auf dem besten Weg eine traurige Ruine zu werden. Man kann sie nur durch den Garten betreten indem man vorher über die Mauer klettert, was Paare in der Sommerliebe nachts wieder machen. Tagsüber ist hier die Art Ruhe, wie sie eben nur in Ruinen erfahrbar ist. Man hört das moderne Sutivan im Sommergeschwätz, aber man ist in einer Zone des Vergangenen und Vergehenden, dass niemand mehr bewohnt und das zum Rumoren des Lebens nichts mehr zu sagen hat. Hier sind nur einige alte Zypressen und zwei große Pinien. Ich komme manchmal hierher um einen Joint zu rauchen, wenn andere Orte zu voll von Lebenden sind und die Sonne zu heiß auf uns alle brennt. Hier ist es schattig, einsam und mystisch. Manchmal bleibe ich länger und schreite durch die Räume bis mein Mund vom Jointrauchen so trocken ist, dass man darin Lawrence von Arabien drehen könnte. Dann gehe ich zurück in den Garten und eine kleine Treppe zu den früheren Lagerräumen hinab. Hier baut die Touristikfirma damals die Toiletten ein, die jetzt nur zertrümmertes Porzellan sind. Aber aus der Wasserleitung kommt noch Trinkwasser, weil die Dvori noch immer an das Netz angeschloßen sind. Wie ein Sterbender, der noch an einer Infusion hängt. Gleich neben den Eingang zu den Klos hat man damals auch das einzige auch barock aussehende Detaill der Dvori, das barocke Wappen der Insel Brač, an die Wand zementiert. Früher sieht es vom First auf Sutivan hinab, nun hängt es neben verrotteten Scheißhäusern. Der letzte Rest von Würde schlummert nur im stolzen Blick des Hirsches, der das Wappentier von Brač ist.

Was mit den Dvori des Kavanjin geschehen soll weiß hier niemand. Die Gemeinde ist am Vorabend des EU- Beitrittes Kroatiens so gut wie Zahlungsunfähig. In Sutivan rumort der Volkszorn über die schlechten Zeiten und die Dvori des Kavanjin scheinen wie ein Denkmal dieser schlechten Zeiten. Der große Tisch der einst im Tourismusbüro steht, an den sich die schöne Rosaria oft lachend lehnt, weil mein Großvater etwas Lustiges sagt, übersteht den Brand kurz vor dem Krieg fast unbeschädigt. Während des Krieges verschwindet er aber. In der optimistischen Variante steht dieser Tisch jetzt im Salon eines bessergestellten Stivanjanin, der vielleicht sogar weiß, das Kavanjin hier sein Mamutgedicht schreibt. In der pessimistischen Variante verhilft der Tisch einem Stivanjanin zu mehreren Grillfesten.

Kulturschande

Die Stivanjani haben keineswegs ein Monopol auf Kulturschande. Immer schon sind viele Dörfer mit einem Erbe versehen, das bedeutend für die Kultur ist aber völlig belanglos für das tägliche Dasein der Dorfbewohner. Das gilt sogar für die alte Stadt Split, die mit Kultur aus zwei Jahrtausenden gepflastert ist. Genauso wie mit Kulturschande jeder Form, Farbe und Größe. In Sutivan redet heute niemand von den Kavanjinovi Dvori. Ein angeblicher Plan, aus Sutivan eine hochmoderne Marina zu machen erhitzt die Gemüter. Ich bin auf der Seite jener, die sagen, das neben den vielen leerstehenden Appartementhäusern, noch mehr Beton keineswegs die Lösung für die schlechten Zeiten ist. Sondern die ultimative Kulturschande, die man Sutivan noch antun kann. Ich hoffe, das sich meine Fraktion durchsetzt. Jerolim Kavanjin ist es jedenfalls mit seinem Slogan über dem Nebeneingang und all seinen Flinten und Pistolen nicht gelungen die größten Feinde, von den Dvori fernzuhalten.

Zeit und Ignoranz. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 23.1.2015)

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