Wer in der Partnerschaft in Sachen Kinderwunsch bestimmt

25. Jänner 2015, 16:07
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Der Entschluss, ein Kind zu bekommen, fällt nicht immer partnerschaftlich. Eine Studie zeigt, dass beim ersten Kind oft der Mann die Oberhand hat

Wer entscheidet in einer Beziehung, ob es ein Kind geben wird oder nicht? Auf den ersten Blick ließe sich diese Frage heutzutage leicht beantworten, ist es doch biologisch klar vorgegeben: die Frau. Schließlich trägt diese ja auch dann das Kind aus. Nur so einfach ist das dann aber oft doch nicht. Eine Beziehung droht zu kippen, kann sogar furchtbar scheitern, wird die Meinung des Partners bei einer derart wichtigen Entscheidung übergangen. Ein Kind zu bekommen ist also wohl auch Verhandlungssache.

Maria Rita Testa, Forscherin am Institut für Demographie der Akademie der Wissenschaften und am Institut für Sozialpolitik an der Wiener Wirtschaftsuniversität, ging dieser Problemstellung nach. Um einen Einblick in die Entscheidungshoheit in Beziehungen zu bekommen, hat sie die Aussagen von 2000 Paaren in Italien ausgewertet. Die Testpersonen waren im Jahr 2003 zu ihrer Familienplanung interviewt worden. Gut drei Jahre später wurden sie darüber befragt, ob sie in der Zwischenzeit ein Kind bekommen haben. Dass die italienischen Ergebnisse auch auf Österreich umlegbar sind, zeigt eine methodisch zwar andere, aber inhaltlich ähnliche Befragung in Österreich (Generations and Gender Survey 2009/2013). Die Resultate gleichen einander.

Schnell zum Kind

Eines vorneweg: Die Studie in Italien zeigt deutlich, dass es natürlich am einfachsten bei Paaren ist, die der Kinderwunsch eint. Deutlich mehr als die Hälfte der im Jahr 2003 befragten kinderlosen Paare (63 Prozent) hatten binnen drei Jahren ein Kind - weil beide es wollten. Wurde über ein zweites Kind gesprochen, waren es 75 Prozent, beim dritten gar 93 Prozent. Umgekehrt zeigt die österreichische Studie, dass uneinige Paare die Entscheidung für ein Kind lieber vertagen. In der Zeitspanne dieser Befragung - also 2009 bis 2013 - haben nur acht Prozent der befragten Paare es überhaupt geschafft, einmal ihre Meinung hin zu einem Ja zum Kinderwunsch zu ändern.

Aber was ist nun mit den Paaren, bei denen einer der beiden vielleicht zaudert, skeptisch ist und dementsprechend bremst? Bei der italienischen Studie war das ein Viertel der Befragten. Handelt es sich um das erste Kind, ist überraschenderweise tendenziell eher der Mann am Drücker. Bei 38 Prozent der Paare wurde der Kinderwunsch erst Wirklichkeit, als der Mann das wollte. Ist bei Frauen der Kinderwunsch stärker, wurden 34 Prozent der Paare Eltern. Die Demografin liefert einen Erklärungsansatz: "Das liegt zu einem guten Teil an der Rollenverteilung in den österreichischen und italienischen Familien. Frauen sind nach wie vor hauptverantwortlich für die Kinderbetreuung. Daher ist die Entscheidung für eine Frau härter, weil sie mit massiven Konsequenzen rechnen muss - etwa einem Knick in der Erwerbsbiografie." Männer hätten es leichter, weil "die Gesellschaft in beiden Ländern ja akzeptiert, dass Männer einfach weiterarbeiten und die Frauen die Kinderbetreuung innehaben".

Frage der Verhandlungsmacht

Beim zweiten Kind läuft es andersrum: Da können eher die Frauen (30 Prozent) bestimmen - Männer: 21 Prozent. "Nach dem ersten Kind wissen Frauen, was sie erwartet", meint Testa. Was sich allgemein zeige: "Frauen im traditionellen Kontext wie in Italien und Österreich haben eher Verhandlungsmacht bei der Kinderfrage, wenn es eine klassische Rollenverteilung gibt. Sie verlieren nicht viel und müssen wenig befürchten."

Erst ab Kind drei wird offenbar partnerschaftlich entschieden. "Bei einer Zwei-Kind-Familie, wie sie nach wie vor in Europa vorherrscht, können beide Partner auf Augenhöhe reden. Da kann keiner den anderen unter Druck setzen, die gesellschaftliche Norm der zwei Kinder ist ja bereits erreicht." Wichtig ist der Demografin bei all den Vergleichen, dass die Ergebnisse "Tendenzen aufzeigen - das ist nicht so schwarz-weiß zu sehen".

Auch den Trend zum späten Kind hat Testa mit einberechnet. Nimmt man Österreich her, waren 2003 laut Statistik Austria 10.585 Mütter zwischen 35 und 40 Jahre alt, zehn Jahre später sind es schon 13.033. Bei den 40- bis 45-Jährigen stieg die Zahl von 1941 auf 3028 an. Weichen in diesem Punkt die Ergebnisse ab? Die Demografin winkt ab: Natürlich steige der Kinderwunsch an, die Einstellungen verschieben sich aber nicht. "Aufgrund der Daten können wir nicht sagen, dass die innerfamiliären Verhandlungen sich dadurch ändern. Es scheint darauf keinen Einfluss zu haben."

Machtverlust

Ganz anders verhält es sich bei Frauen mit hoher Qualifikation, die mitten im Job stehen: "Die Annahme war, dass Frauen mit höherer Bildung - auch höher als jene des Partners - eher die Entscheidungsgewalt innehaben. Nur, es ist genau umgekehrt." Bei den Kinderlosen habe sich gezeigt, dass "die Frau wesentlich mehr Rücksicht auf den Wunsch des Partners nimmt. Die hohe Qualifikation führt zu einem Machtverlust". Es werde stärker versucht, einen Konsens zu erzielen: "Das beruht wahrscheinlich darauf, dass diese Frauen beim ersten Kind sehr viel zu verlieren haben. Der Drang, diesen Verlust zu minimieren, impliziert, dass sie die Hilfe ihres Partners brauchen. Wollen sie ein Kind und es gibt keine Übereinkunft, gibt es eher kein Kind."

Ein-Kind-Norm

Zwischen Kinderwunsch und gelebter Wirklichkeit klafft eine Lücke. Eine Befragung über die angestrebte Familiengröße zeigt, dass in Österreich 58 Prozent der sehr gut ausgebildeten Frauen im Alter von 20 bis 45 zwei Kinder wollen. Zum Vergleich: In Schweden sind es 87 Prozent, in Dänemark 82 Prozent.

Die aktuellen Fertilitätszahlen lassen in Österreich aber eher auf eine tatsächliche Ein-Kind-Norm in dieser Gruppe schließen. Testa sieht die Politik gefordert. Die Vereinbarkeit von Kind und Karriere sei der Schlüssel - etwa was die Kinderbetreuung betrifft. Dazu kommt die hohe Zahl der in Teilzeit arbeitenden Frauen. Es fehle auch an der gesellschaftlichen Akzeptanz, findet die Wissenschafterin: "Da ist Österreich noch nicht sehr weit." (Peter Mayr, DER STANDARD, 24.1.2015)

  • "Frauen im traditionellen Kontext wie in Italien und Österreich haben eher Verhandlungsmacht bei der Kinderfrage, wenn es eine klassische Rollenverteilung gibt", sagt die Demografin Maria Rita Testa.
    foto: wu-wien

    "Frauen im traditionellen Kontext wie in Italien und Österreich haben eher Verhandlungsmacht bei der Kinderfrage, wenn es eine klassische Rollenverteilung gibt", sagt die Demografin Maria Rita Testa.

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