Draghis Riesenschritt und das "deutsche Wesen"

Kommentar23. Jänner 2015, 13:07
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Italiener und Griechen freuen sich über den Beschluss der EZB

Er wird sich nicht trauen, aber "Babyschritte" sind zu wenig: Was der US-Ökonom Barry Eichengreen in einem STANDARD-Interview kurz vor der EZB-Entscheidung sagte, war Tenor vieler Kommentare. Und warum wird er sich nicht trauen? Weil die Deutschen dagegen sind. Mario Draghi, der EZB-Chef, werde an Angela Merkel und Wolfgang Schäuble scheitern, den wahren Machthabern in Europa.

Jetzt hat er sich getraut. Die Kritik an der "Geldschwemme" ist massiv, vor allem in Deutschland. Einer der Hauptvorwürfe: Die Griechen und die Italiener, überhaupt der ganze Süden werde jetzt aufhören zu sparen, Budgetdisziplin zu üben, aufhören, "sich am Riemen zu reißen" (ein TV-Moderator).

Der in seiner Massivität unerwartete Schritt Draghis hat eine geokulturelle Komponente, die vorhandene Gräben zwischen Nord- und Südeuropa vertiefen könnte. Einen haben wir ja schon, den zwischen dem atlantischen Großbritannien und dem kontinentalen Kerneuropa.

Die Italiener und die Griechen freuen sich über Draghis Schritt auch, weil einer der Ihren der deutschen Kanzlerin Widerstand leistet. Und weil viele Deutsche, wenn sie im Süden Urlaub machen, die Ärmeren und Schlampigeren spüren lassen: Wir mögen eure Gastfreundschaft, ihr sollt uns bekochen – aber sonst tanzt bitte nach unserer Pfeife. Dieses Gefühl wird am Sonntag mitschwingen, wenn griechische Wähler ihre Stimme für Syriza abgeben.

"Und es mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen", so lautet das von den Nazis beflügelte Zitat aus dem Gedicht "Deutschlands Beruf" von 1861 aus der Feder des Nationalromantikers Emanuel August Geibel (1815–1884). Damals war Deutschland noch in Kleinstaaten aufgesplittert, das Gedicht des Lyrikers war ein Aufruf zur Einigung und hatte keinerlei rassistische Klänge. Es eignet sich gleichwohl (zusammen mit dem Hitlerbärtchen) auf Merkels Gesicht für polemische Attacken auf die unbestreitbare Tatsache, wenigstens beim Geld und in der Wirtschaft die nach dem Krieg durch harte Arbeit erworbene Vormachtstellung in Deutschland zu verteidigen.

In seinem innersten Kern drückt das Gedicht natürlich auch den Anspruch Angela Merkels aus. Er hat seine sachliche Berechtigung, was jene Eigenschaften betrifft, die den ökonomischen Erfolg Deutschlands ausmachen. Aber er scheitert an den südlichen Kulturen und Mentalitäten. Vor allem dann, wenn die Leute draufkommen, dass die "Hilfe für Griechenland" zuerst eine für die deutschen Banken ist.

Man kann aus Griechen und Italienern keine Deutschen machen. Das ist die (sicher unbeabsichtigte) Botschaft hinter Draghis Geldschwemmebeschluss. Ob er ein Erfolg wird, steht derzeit in den Sternen auf der Fahne der EU. Das damit verbundene Entgegenkommen an den Süden sollte dort trotzdem zu freiwilligen Anstrengungen führen. Beim Geldversenken sind diese Länder noch effizienter als zum Beispiel wir hier in Österreich. (Gerfried Sperl, derStandard.at, 23.1.2015)

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