Alles nur Sublimierung?

23. Jänner 2015, 17:06
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Joachim Reiber spürt minuziös den Liebesgeschichten und Heiratssachen großer Komponisten nach

Der Titel mutet an wie ei- ne anrüchige Bettlektüre: Shades of Grey für Bildungsbeflissene? Doch wenn Joachim Reiber die amourösen Verstrickungen großer Komponisten ausbreitet, tut er das mit dem Blick aufs Ganze: auf die Persönlichkeiten, ihre Lebensumstände sowie vor allem ihre Werke.

An pikanten Details, so viel sei verraten, fehlt es keineswegs, und leicht hätte sich die originelle Buchidee auf das Reißerische beschränken lassen. Dass Reibers Darstellungen der einschlägigen Lebensbilder von Joseph Haydn, Ludwig van Beethoven, Felix Mendelssohn Bartholdy, Robert und Clara Schumann, Johannes Brahms, Richard Wagner, Gustav Mahler sowie Leos Janácek dabei aber keineswegs einen voyeuristischen Blick verraten, liegt an zumindest dreierlei:

Zum einen sind nicht nur die erotischen Komplikationen - seien es Träumereien, harmlosere Flirts oder handfeste Bettgeschichten - exzellent recherchiert, sondern auch das jeweilige Umfeld auf dem aktuellen Stand der Forschung. Reiber weiß weit mehr, als es für seine eigentliche Thematik notwendig wäre, und erweist sich auch als profunder Kenner der Werke "seiner" Komponisten.

Immer wieder führen ihn überraschende Einsichten von der Lebensgeschichte zu konkreten Stücken - oder aber umgekehrt. Immer wieder leitet er daraus Bezüge zu den Beziehungen ab, auch wenn sie nicht so offensichtlich sind wie im Fall Wagner. Dabei ist er als Germanist besonders aufmerksam gegenüber den vertonten Texten, kommt mitunter von einem Wort wie "hold" als Beschreibung von Frauen zu einem prägenden Charakteristikum, in diesem Fall bei Haydn.

Zum Zweiten sind die verschiedenen Essays, mag der Liebeswahnsinn noch so sehr Methode haben, in ihrer Gangart sehr flexibel gehalten. So werden die unterbliebenen oder stattgefunden habenden Frivolitäten nicht einfach (un)appetitlich nach einem vorgegebenen dramatischen Muster serviert, sondern im Kontext mit Leben und Werk nach ihrer Bedeutung für beides befragt.

Dass die einzelnen Kapitel jeweils für sich stehen, dass der Autor auf eine thematische Einleitung mit übergeordneten Gedanken und allgemeinen Überlegungen verzichtet, betont, wie inkommensurabel die Geschichten sind, die drei Jahrhunderte berühren. Wie sehr Reiber aus dem Vollen schöpft, zeigen aber die zahlreichen Querverbindungen, die er zwischen den Kapiteln dennoch herstellt. Aufmerksames Lesen lohnt sich auch diesbezüglich.

Zum Dritten - und vielleicht ist das am wesentlichsten - zeichnet sich das Buch durch seine literarischen Qualitäten aus. "Welche Sprache spricht die Liebe?" heißt das Kapitel über Brahms und das Ehepaar Schumann. Reiber hat nicht nur ein gespannt-offenes Ohr für subtile Bedeutungsnuancen, wenn er Briefe der Protagonisten und ihres Gegenübers liest; er bringt auch seinerseits die Sprache durch genaues Hinhören zum Sprechen.

Beethovens berühmten Brief an dessen "Unsterbliche Geliebte", den Reiber übrigens mit einem deutlich anderen Akzent liest als eine Reihe von Spezialisten, sieht er etwa als Ausdruck einer bewussten Entscheidung für die Sublimierung und gegen die Perspektive einer Paarbeziehung. Dass der Komponist diesen Brief - nie abgeschickt, zurückgegeben? - in einem verborgenen Fach seiner Schreibtischlade verwahrte, veranlasst Reiber zu einem Wortspiel über Beethovens zurückgehaltene und beim Komponieren doch so nahe, bekenntnishafte Leidenschaft: "Verstaut wirkte sie im Geheimen. Gestaut verwandelte sie sich in Kunst."

Mit seinem ausgefeilten Stil ist Reiber ein fesselnder Erzähler, der über das Handwerkszeug eines Romanciers verfügt, es dabei freilich mit der Wahrheit so genau wie irgend möglich nimmt. Denn Spekulationen sind seine Sache nicht.

Akribisch meldet er Zweifel an, wo immer es ihm geboten scheint. Ähnlich klar und behutsam wie gegenüber den Fakten verhält er sich auch in Bezug auf die emotionalen Eruptionen, die er mit psychologischer Intuition beschreibt: einfühlsam, aber niemals zudringlich. Nähe und Respekt halten sich dabei die Waage - heilsame Balance in so wogenden Gewässern. (Daniel Ender, Album, DER STANDARD, 24./25.1.2015)

Joachim Reiber, "Duett zu dritt. Komponisten im Beziehungsdreieck."€ 22,- / 272 Seiten. Kremayr & Scheriau, Wien 2014

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    foto: kremayr & scheriau
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