Herr Müller enthält Spuren von Notgeilheit

Kommentar23. Jänner 2015, 17:00
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Für eine bessere Allergenvorsorge

Vor zwei Tagen ging der Krisenkolumnist auf eine Jause zum Türken und bekam dort als Beilage zum Falafelsandwich einen Buchstabensalat serviert. Auf einem Schild stand nämlich geschrieben, dass im Falafelsandwich die Allergene A und C enthalten seien. Vielleicht waren es auch die Allergene F und M, so genau weiß ich es nicht mehr.

Ich weiß auch nicht, wofür das A in der Allergenliste steht: War's Ambra, Arsen, Adrenalin, Abfall, Abgas, war's Apfelkren? Keine Ahnung. Dafür aber weiß ich, dass mich die Präsenz des hässlichen Buchstabensalates auf allen Speisekarten des Landes nervt. War dieses Listenwerk wirklich vonnöten?

Schließlich hatte man es ja auch vor der Verordnung nicht alle Tage mit kollabierenden Essern zu tun, die mit Blaulicht vom Restaurant in die Notfallambulanz gekarrt werden mussten, weil sie bei Tisch ins falsche Allergen gebissen hatten. Ist die EU wieder von ihrer patronisierenden Vorschreibungswut befallen worden? Oder zollt sie der grassierenden neuen Nahrungsmittelzimperlichkeit Tribut? Kurier-Kollegin Martina Salomon, die soeben eine Streitschrift Iss oder stirb (nicht)! zum Thema publiziert hat, schreibt von um sich greifenden "Essneurosen" und dem Bedürfnis, im Gespräch mit dem Besitz wenigstens einer kleiner Allergie prahlen zu können.

Aber vielleicht sehe ich alles falsch und der Durchschnittskonsument ist tatsächlich so kretinös, dass er ständig der leitenden Hand der EU-Bürokratie bedarf, um durchs Nahrungsmitteldickicht zu kommen. Dann sollte man aber jeden Brokkoli mit dem Buchstaben B bekleben, auf dass der Brokkolikäufer wisse, dass er es mit einem veritablen Brokkoli und nicht einem Putativ- oder Scheinbrokkoli zu tun hat.

Wofür ich mich ausspräche, wäre eine Verordnung zur Kenntlichmachung allergener Charakterzüge. Jeder EU-Bürger muss verpflichtend ein Schild mit Buchstabenkürzeln am Revers tragen, die Gesprächspartner vor seinen krankmachenden Inhaltsstoffen warnen.

B steht für Borniertheit, F für Fadgasalarm, H für Hirnöderltum, I für Irrwitz, K für Korruptheit und UU für unglaubliche Umstandskrämerei. Zusatzhinweise ("Kann Spuren von Grenzdebilität und Notgeilheit enthalten") würden das Persönlichkeitsbild sinnvoll abrunden. Ob diese Verordnung der Umgangskultur in der EU zugutekäme? Darauf ginge ich jede Wette ein. (Christoph Winder, DER STANDARD, 24.1.2015)

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