Auch systemerhaltende Leistungen würdigen

Gastkommentar26. Jänner 2015, 07:52
2 Postings

Auch wenn Unternehmen erfolgreich sind, gibt es unter den Mitarbeitern welche, die auf der Strecke bleiben. Denn ob Mitarbeiter sich als erfolgreich erleben, hängt stark vom Feedback der Führungskraft ab

Für viele Unternehmen ist Wachstum das Credo schlechthin, das eigentliche Erfolgsmaß. Andere beschreiben es als unumgängliche Überlebensstrategie: "Wachsen oder untergehen" heißt die Devise. Neben den erfreulichen Aspekten wie erhöhtem Handlungsspielraum, zunehmendem Selbstbewusstsein und steigendem Investitionsvermögen bringt schnelles Wachstum auch unerwünschte Nebenwirkungen mit sich.

Wenn das Unternehmen Erfolg hat, können nicht alle Mitarbeiter die Freude teilen. Bei manchen ist die Energie am Boden: Sie sind überkritisch oder resigniert, das Wort Burnout fällt häufiger, und die Krankenstände nehmen zu. Wie passt das zusammen? Wie wir in unseren Analysen feststellten, erklärt sich dieses Phänomen häufig dadurch, dass der Erfolg nicht in alle Bereiche des Unternehmens gleichermaßen kommt.

"Ältere-Geschwister-Syndrom"

Der Vertrieb etwa feiert Verkaufserfolge, während die Produktion hinterherhinkt. Sie muss wegen mangelnder Kapazitäten Wochenendschichten einlegen und obendrein die Kritik einstecken, dass sie Lieferzeiten und Qualitätsstandards nicht mehr einhält.

Ein anderes Unternehmen eröffnet jährlich internationale Filialen - aber die am heimischen Markt Tätigen, deren Leistung die Expansion erst ermöglichte, halten dem Vergleich mit den wachsenden Märkten nicht stand. Sie können die anspruchsvollen Ziele nicht einhalten, die ihnen gesetzt werden, um weitere Investitionen zu ermöglichen. Dieses Muster nennen wir das "Ältere-Geschwister-Syndrom", weil es an Familiendynamiken erinnert, in denen ältere Geschwister den jüngeren durch ihre Unterstützung das Studium ermöglichen. Und nicht selten wird ihnen das als Indiz ihrer eigenen Erfolglosigkeit unter die Nase gehalten.

"Systemerhaltende" Leistungen

Letzteres Muster ist uns besonders häufig in Situationen aufgefallen, in denen das Wachstum mit Internationalisierung verbunden ist. Die Ressourcen, die hier eingesetzt werden müssen, sind besonders hoch und die Anforderungen an den etablierten Teil des Unternehmens extrem ausgeprägt.

Internationalisierung ist mit hohem Renommee verbunden. Die Top-Führungsebene fokussiert ihre Aufmerksamkeit besonders auf die wachsenden, aufzubauenden Bereiche. Und gerade die Aufmerksamkeit der Geschäftsführer und der Vorstände ist neben Kennzahlen und Zielerreichungen die Währung des persönlichen Erfolgs.

Ob Mitarbeiter sich als erfolgreich erleben, hängt stark vom Feedback im Unternehmen und in der Regel besonders von der Resonanz der Führung ab. Gerade in Zeiten des Wachstums ist es also notwendig, auch den nicht so spektakulären "systemerhaltenden" Leistungen wertschätzende Aufmerksamkeit und Entwicklungsperspektiven zu ermöglichen. (DER STANDARD, 24./25.1.2015)

Oliver Schrader ist Consultant im systemischen Beratungshaus Trainconsulting. Der studierte Soziologe berät u. a. Führungskräfte und -teams in Führungs- und Kommunikationsfragen. www.trainconsulting.eu

  • Auch "systemerhaltende" Leistungen gehören gewürdigt.
    foto: ap

    Auch "systemerhaltende" Leistungen gehören gewürdigt.

Share if you care.