Der südkoreanische Jihadist

Blog23. Jänner 2015, 10:54
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Ein 17-jähriger Südkoreaner ist an die syrische Grenze gereist, um sich der IS-Miliz anzuschließen. Auf Twitter meldeten sich bereits dutzende potenzielle Nachahmer

Als die Wirren der Pubertät einsetzten, geriet das Leben des 17-jährigen Kim aus den Fugen: Vor Jahren bereits brach er die Schule ab, ließ sich von einem Hauslehrer unterrichten und verließ nur mehr selten sein Zimmer. Stattdessen hockte er jede freie Minute vor dem Computer. Gegen Ende des Jahres verkündete er seiner Mutter, dass er endlich einmal frische Luft brauche. Er wolle in der Türkei einen Freund besuchen, den er im Internet kennengelernt habe. Nach der Reise plane er, gestärkt in ein neues Leben zu starten. Auf welche Weise ihr Sohn recht behalten sollte, ahnte die Mutter nicht.

Über die türkische Grenze

Von Istanbul aus reiste der Jugendliche ins südostanatolische Kilis, begleitet von einem 45-jährigen Bekannten, der offenbar ebenso ahnungslos über Kims tatsächliches Vorhaben war. Am 10. Jänner sah er ihn das letzte Mal. Sicherheitskameras filmten den Jugendlichen, wie er sich vor der örtlichen Moschee mit einem Arabisch sprechenden Mann traf. Dort stiegen sie gemeinsam in ein Taxi und ließen sich in der Nähe eines Flüchtlingslagers absetzen, nur fünf Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Was dann passierte, ist reine Spekulation. Alle Indizien deuten jedoch daraufhin, dass sich Kim als erster Südkoreaner der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) angeschlossen hat.

Mehr als 500 verdächtige Suchanfragen

Südkorea verfügt über keine nennenswerte muslimische Tradition. Erst 1955 wurde die erste Moschee gebaut, derzeit leben gerade einmal 35.000 Muslime im Land. Wie also kommt ein junger Südkoreaner dazu, sich einem Krieg anschließen zu wollen, der geografisch und kulturell weiter weg nicht sein könnte?

Erklärungsversuche lassen sich im Internet finden, denn dort hinterließ der Jugendliche eine ganze Reihe an Fußabdrücken. Wer all die Puzzleteile zusammensetzt, erkennt schnell, dass Kim viele biografische Eckdaten eines radikalen Konvertiten aufweist: ein wütender junger Mann, der seine Hoffnung auf einen Platz in der Gesellschaft aufgegeben hat.

Von den 3.000 Suchanfragen, die er im vergangenen Jahr stellte, enthielten laut Angaben der Seouler Polizeibehörde mehr als 500 die Schlagwörter ISIS, Türkei, Syrien oder Islam. Mehr als 50 Bilder wurden auf seinem Computer gefunden, die IS-Kämpfer zeigen, Fahnen von Terrororganisationen und verschleierte Frauen. Mehr als 65 verdächtige Webseiten hat Kim auf seiner Lesezeichenliste gespeichert. In Chat-Verläufen behauptete er regelmäßig, sich als Mann in Südkorea diskriminiert zu fühlen, und sprach von seiner tiefen Verachtung gegenüber dem Feminismus.

"Ich möchte mich der IS anschließen. Weiß jemand, wie?", postete er am 4. Oktober 2014 auf seinem Twitter-Account. Dort kam der Südkoreaner schließlich in Kontakt mit einem türkischen Mittelsmann, der ihn in seinem Vorhaben unterstützte.

Angst vor Nachahmern

Als Kims Fall publik wurde, verfünffachte sich die Anzahl seiner Twitter-Follower über Nacht. Dutzende Nutzer haben bereits verkündet, sich ebenfalls der IS anschließen zu wollen. "Ich bin ein 16-jähriger Koreaner. Ich hasse mein Leben. Ich möchte etwas unternehmen, aber weiß nicht, wie", lautet eine Nachricht, die an denselben arabischen Account gerichtet ist, mit dem auch Kim noch vor kurzem in Kontakt stand. In einer ersten Reaktion hat die Regierung verkündet, ihre Internetüberwachung verstärken zu wollen und propagandistische Inhalte zu zensurieren.

Die Ursachen für Kims Radikalisierung liegen freilich tiefer. Die linksgerichtete Tageszeitung "Hankyoreh" spekulierte bereits, inwiefern das ultrakompetitive Klima und der immense Leistungsdruck auf die Jugend dazu geführt haben könnten, dass Kim sich überfordert fühlte und letztlich flüchten wollte. Unter allen OECD-Ländern ist Südkoreas Jugend seit Jahren die unzufriedenste.

"Komm zurück"

Auf Twitter erhält Kim nun auch immer wieder Nachrichten, die ihn zur Räson bringen möchten: "Welche Religion behauptet, dass man andere Leute töten und vergewaltigen soll? IS ist kein Islam, sondern Gewalt. Du wurdest belogen", schrieb ein User. Ein weiterer fügte der Konversation hinzu: "Du kannst auch in Korea als Muslim leben. Geh zur Botschaft und komm zurück." (Fabian Kretschmer, derStandard.at, 23.1.2015)

  • Beweise dafür, dass der 17-jährige Kim für die IS-Miliz kämpft, hat auch die Polizei in Seoul (siehe Bild) nicht. Doch vieles deutet darauf hin.
    foto: apa/epa/chul-soo

    Beweise dafür, dass der 17-jährige Kim für die IS-Miliz kämpft, hat auch die Polizei in Seoul (siehe Bild) nicht. Doch vieles deutet darauf hin.

  • Graffiti der IS-Terrormiliz in Jordanien.
    foto: ap/nasser

    Graffiti der IS-Terrormiliz in Jordanien.

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