Chefgewerkschafter: "In Österreich hätte es eine Revolution gegeben"

Interview23. Jänner 2015, 05:30
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Philip Jennings zeigt Verständnis für die Proteste in Griechenland und rechnet mit einem Syriza-Sieg

STANDARD: Sie sagten beim Weltwirtschaftsforum, der Davos-Mann sitze auf einem Vulkan. Warum?

Jennings: Wegen des hohen Niveaus und der Beständigkeit der Arbeitslosigkeit. Wir haben derzeit weltweit 200 Millionen Arbeitslose, nächstes Jahr kommen weitere drei Millionen dazu. Das sind die Konsequenzen davon, dass ein immer geringerer Anteil des Einkommens durch Löhne erzielt wird. Die Wirtschaften, vor allem jene in den USA, sind ein Geschenk für die Reichen. 98 Prozent des Wachstums in den USA geht an dieses eine Prozent.

STANDARD: Wie sehen Sie die Entwicklungen in Europa?

Jennings: Europa ist an einem Scheideweg, ob man die strenge Sparpolitik weiterhin aufrechterhält oder ob es nicht an der Zeit ist, die Umklammerung zu lösen. Die politischen Signale sind widersprüchlich. In einigen Ländern hat man das Erstarken der extremen Rechte beobachten können, in Österreich, in Deutschland, in Großbritannien. In den südlichen Ländern hat diese Politik zu einem massiven Anstieg von Arbeitslosigkeit geführt. Die Menschen dort sagen: Genug ist genug.

STANDARD: Was erwarten Sie von den griechischen Wahlen am Sonntag? Wird es nach einem möglichen Wahlsieg der Linkspartei Syriza eine Lockerung des Sparkurses in Griechenland geben?

Jennings: Laut den Umfragen wird Syriza gewinnen. Das ist ein Schub, um die Richtung in Europa zu ändern. Man soll nicht davon ausgehen, dass diese Partei unrealistisch oder extrem ist. Alexis Tsipras sagt: Wir brauchen Erste-Hilfe-Maßnahmen, die Leute leben in Armut, können sich Medikamente nicht mehr leisten. Wir brauchen eine Atempause.

STANDARD: Der deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel hat in Davos auf die Agenda 2010, die Arbeitsmarktreformen unter Kanzler Schröder verwiesen. Gleichzeitig hat er betont, man brauche auch Investitionen. Sehen Sie einen Kurswechsel in Berlin?

Jennings: Die Schröder-Reformen waren mild im Vergleich zu dem, was die südlichen Staaten in Europa jetzt machen. Wenn das in Deutschland oder Österreich gemacht worden wäre, hätte es eine Revolution gegeben. Man muss Griechenland Luft verschaffen. Wir reden nicht über Unverantwortlichkeiten. Deutschland muss verstehen: Wenn eine Wirtschaft um 40 Prozent schrumpft, die Hälfte der jungen Menschen keine Arbeit hat, dann kann man nicht noch weiter sparen. Es braucht eine Bluttransfusion. Wenn Österreich ein Opfer der Troika-Politik wie in Griechenland geworden wäre, wo über Nacht soziale Institutionen zerstört wurden, hätte es auch eine Revolution gegeben. In den Nachkriegsjahren gab es auch eine Vereinbarung für Deutschland mit einer Schuldenreduktion.

STANDARD: Wie bewerten Sie den Entscheid der EZB, Staatsanleihen zu kaufen. Verschafft das die von Ihnen verlangte Atempause?

Jennings: EZB-Chef Mario Draghi hat vor zwei Jahren gesagt, er macht, was immer nötig ist, um den Euro zu retten. Die Maßnahmen heute dürfen nicht dazu führen, dass es eine neue Banken-Bonanza gibt. Die Kernfrage ist, ob das Geld, das jetzt lockergemacht wird, in der Realwirtschaft ankommt. Dass die Banken dem Wirtschaftssektor Geld leihen, dass der Investitionszyklus wieder funktioniert. Der Ankauf von Staatsanleihen wird hoffentlich dazu führen, dass das Vertrauen wiederkommt. Denn Europa fehlt Vertrauen. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, 23.1.2015)

Philip Jennings (62), ein Waliser, ist seit der Gründung im Jahr 2000 Generalsekretär des in Genf angesiedelten Gewerkschaftsdachverbands UNI Global Union. Er zählt 20 Millionen Mitglieder in 900 Organisationen in 150 Staaten.

  • Eine Femen-Aktivistin wird von Sicherheitsleuten in Davos festgenommen. Proteste gab es auch bezüglich sozialer Themen.
    foto: reuters

    Eine Femen-Aktivistin wird von Sicherheitsleuten in Davos festgenommen. Proteste gab es auch bezüglich sozialer Themen.

  • Philip Jennings
    foto: reuters

    Philip Jennings

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