Aussteigen ohne Netz

22. Jänner 2015, 17:46
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Die Bewohner der griechischen Insel Ikaria sind glücklich, doch Aussteigen ist auch dort kein Honigschlecken

Aussteigen ist ein wenig aus der Mode. Heute sollte der Bruch mit dem Alltagstrott schon von Nutzen sein: So verhindern etwa Bildungskarenzen entsetzte Blicke beim Bewerbungsgespräch angesichts schwarzer Löcher im Lebenslauf. Anders geht es Thodoros an, der Donnerstagabend im Weltjournal+ vorstellig wurde. Der Softwareentwickler gab sein Leben in Athen auf und zog - wie viele andere Griechen seit Beginn der Krise - aufs Land, genauer gesagt auf die Insel Ikaria.

Dort wartet nebst einem renovierungsbedürftigen Bauernhof die höchste Lebenserwartung Griechenlands, eine starke kommunistische Partei und das laut New York Times glücklichste Volk überhaupt auf ihn. Die ansässigen Erzählungen über das Inselleben legen nahe, dass sich das alles irgendwie gegenseitig bedingt. Obwohl sich die Sendung mit Aussteigerromantisierungen ins Zeug legt, schwärmerisch vom Häuschen "im Nirgendwo" erzählt, das nur über einen Fußweg erreichbar ist, und wir nette und superausgeglichene Menschen kennenlernen, will keine Stimmung aufkommen.

Wie in "Unsere kleine Farm"

Thodoros tut sich zwar mit anderen Aussteigern zusammen, die wegen völliger Perspektivlosigkeit ein Selbstversorgerdasein anstreben, doch alles ist recht zäh. Thodoros wird immer dünner, er wirkt müde und reagiert genervt, als seine Freundin Anna, die auch mit Sack und Pack auf die Insel gekommen ist, auf die Renovierung der Fenster drängt.

"Wir werden leben wie in 'Unsere kleine Farm'", sagte sie noch beim Aufbruch in Athen, er raunte ihr "Ich liebe dich" ins Ohr. Auf der Insel kam die Trennung, Anna und Thodoros kämpfen sich allein durch - aber immerhin "im Rhythmus der Natur". (Beate Hausbichler, DER STANDARD, 23.1.2015)

  • Thodoros auf seinem sehr renovierungsbedürftigen Hof.
    foto: orf

    Thodoros auf seinem sehr renovierungsbedürftigen Hof.

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