Polen entscheidet über Polanskis Auslieferung

22. Jänner 2015, 17:11
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Der Regisseur will einen neuen Film in Warschau drehen. Wegen der Missbrauchsvorwürfe droht ihm jedoch erneut die Auslieferung an die USA

"Roman Polanski auf der Flucht" könnte der Film heißen, "Die Karriere eines US-Staatsanwalts" oder auch "Ausgeliefert". Seit Jahren steht der weltberühmte Filmregisseur auf der Fahndungsliste von Interpol. Nun muss die Kulturmetropole Krakau entscheiden, ob sie den polnischen Staatsbürger und Überlebenden des Krakauer Ghettos an die USA ausliefern will. 2010 hatte die Schweiz das Auslieferungsbegehren der Staatsanwaltschaft von Los Angeles nach zehn Monaten abgelehnt. Im letzten Jahr, als Polanski zur Eröffnung des Jüdischen Museums nach Warschau kam, hätten polnische Polizisten - wäre es nach dem Willen der US-Staatsanwälte gegangen - Polanski an Ort und Stelle verhaften sollen.

Doch Warschau lehnte das Auslieferungsbegehren ab. Tomasz Nalecz, der Berater des Präsidenten Polens, empörte sich damals über das "historisch ignorante und vollkommen unangemessene" Auslieferungsverlangen ausgerechnet am Eröffnungstag des Jüdischen Museums. Der Fall, um den es geht, liegt 38 Jahre zurück. 1977 sollte sich der Regisseur, Fotograf und Schauspieler wegen Vergewaltigung der 13-jährigen Samantha Jane Gailey (heute Geimer) vor einem Gericht in Los Angeles verantworten.

Das Verfahren fand unter großer öffentlicher Anteilnahme statt. Um der Minderjährigen die öffentliche Aussage vor Gericht zu ersparen, schlug der Staatsanwalt eine sogenannte "Verständigung im Strafverfahren" vor, der alle Seiten zustimmten. Die Anklage lautete nur mehr auf "außerehelichen Geschlechtsverkehr mit einer Minderjährigen", und Polanski bekannte sich dessen schuldig.

42 Tage Gefängnis

Für die gerichtspsychiatrische Beurteilung musste er für 90 Tage ins Gefängnis, kam aber bereits nach 42 Tagen wieder frei. Die Gutachter empfahlen dem Gericht, Polanski zu einer Bewährungsstrafe zu verurteilen. Als sich abzeichnete, dass sich der zuständige Richter nicht daran halten wollte, floh Polanski zunächst nach London und von dort aus weiter nach Paris, wo er sich niederließ. Der in Frankreich geborene Künstler besitzt neben der polnischen auch die französische Staatsbürgerschaft. Später fuhr Polanski nie wieder in die USA und mied Staaten, die ihn ausliefern könnten.

Nach der Freilassung Polanskis in der Schweiz 2010 erklärte Samantha Geimer, dass sie sich längst mit Polanski ausgesprochen habe. Ihrer Ansicht nach sei er genügend gestraft. Sie selbst leide mehr unter dem Medienrummel und dem Umgang mit einem in ihren Augen korrupten Justizapparat denn unter dem sexuellen Missbrauch durch Polanski 1977. Sie sei froh, dass die Schweiz Polanski nicht an die USA ausgeliefert habe.

Die Krakauer Staatsanwaltschaft hat das erneute Auslieferungsbegehren auf seine formale Richtigkeit hin geprüft und es zur Entscheidung an das Bezirksgericht in Krakau überwiesen. Weder die Verjährung einer ähnlichen Straftat in Polen noch die polnische Staatsbürgerschaft stünden einer Auslieferung an die USA rechtlich im Wege, sagte die Krakauer Staatsanwaltschaft.

Die Weiterleitung des amerikanischen Auslieferungsbegehrens an das Gericht bedeutet nicht, dass sich der inzwischen 81-jährige Polanski demnächst doch noch in Los Angeles vor Gericht verantworten muss. Die letzte Stimme in diesem Verfahren wird Polens Justizminister Cezary Grabarczyk haben. In diesem Jahr noch will Polanski in Warschau mit den Dreharbeiten zu seinem nächsten Film beginnen. Thema soll die Dreyfus-Affäre Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich sein.

Der jüdische Offizier Alfred Dreyfus wurde als Unschuldiger des Landesverrats an Frankreich zugunsten des Deutschen Kaiserreichs bezichtigt und verurteilt. Erst Jahre nach dem Fehlurteil wurde der Offizier vollständig rehabilitiert. Während der Vorbereitungszeit und der Dreharbeiten will Polanski zwischen Warschau und Krakau pendeln. "Das hat allein emotionale Gründe", erklärte Polanski. "Meine Kindheit habe ich doch in Krakau verbracht." (Gabriele Lesser aus Warschau, DER STANDARD, 23.1.2015)


  • Regisseur Roman Polanski verlässt am Dienstag den Stadtrat in Krakau, nachdem er dort verhört wurde. Die polnische Staatsanwaltschaft beantragte, den US-Auslieferungsantrag zu beurteilen.
    foto: reuters/michal lepecki /agencja gazeta

    Regisseur Roman Polanski verlässt am Dienstag den Stadtrat in Krakau, nachdem er dort verhört wurde. Die polnische Staatsanwaltschaft beantragte, den US-Auslieferungsantrag zu beurteilen.

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