Sinn für Sinnlichkeit

22. Jänner 2015, 17:03
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Das RSO Wien, Cornelius Meister und Lars Vogt im Konzerthaus

Wien - Großartig der Rihm. Eine Eruption zu Beginn, dichtes, düstres Gewölk, durch einen Schleier der Bläser schimmern danach schemenhafte Streichermelodien. Zarte Überlagerungen von tonalem Material wie surreale Traumgespinste; ein Werkkörper, der wie ein verzerrter Torso durch Raum und Zeit schwebt. Quasi als Vorspiel zu Brahms' zweiter Symphonie hat Wolfgang Rihm das 2011 komponierte Opus Nähe fern 2 erdacht. In dem fünfzehnminütigen Stück beweist der Großmeister seinen Sinn für Sinnlichkeit, für wirkungsvolle Effekte. Ein genialer Stimmungsmacher, ein Expressionist à la Richard Strauss.

Großartig auch Lars Vogt. Er spielt (mit) Schumanns Klavierkonzert auf ideale Weise: mit der spontanen Neugierde eines Kindes, der intensiven, unbedingten Emotionalität eines Jugendlichen, reflektiert und maßvoll wie ein Erwachsener. Stimmungswechsel ereignen sich mit einer stupenden Hurtigkeit und Geschmeidigkeit.

Die elegische Präsentation des Hauptthemas vonseiten Cornelius Meisters und des RSO Wien behagt dem Deutschen nicht, er drängt nach vorne. Seine Tempowahl in diesem Meisterwerk ist als situationselastisch zu beschreiben, und Meister und das RSO Wien folgen allem Freisinn Vogts mit spitzen Ohren und glühendem Herzen.

Das Andantino grazioso des Mittelsatzes wird fast zum Allegretto, federleichten Herzens necken sich Orchester und Solist. Etwas klobig das Kopfthema des Finalsatzes, ohne nach außen strahlende Freude; die stellt sich aber später ein. Vogt spielt Chopins cis-Moll-Nocturne als Zugabe. Schon lange einer der fesselndsten Pianisten unserer Zeit, wird der 44-Jährige immer noch besser: freier, genauer, dringlicher, entspannter, virtuoser. Alles zugleich.

Bohuslav Martinus 1946 uraufgeführte fünfte Symphonie, ein Quell vitaler Freude, wird von Meister und seinem Orchester mit vorsichtiger Durchspielprobenintensität gespielt. Wundervoll allerdings die Streicherelegie zu Beginn des dritten Werkteils: Dieses Ineinander von Schmerz und Sehnen transportieren das tolle RSO Wien und der fähige Chefdirigent auf berührende Weise. Ein beeindruckender Abend. (Stefan Ender, DER STANDARD, 23.1.2015)

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