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26. Jänner 2015, 14:09

Lilly war die Letzte, die ging. Sie starb 1995, im Alter von 91 Jahren, völlig vereinsamt. Die letzten Jahre waren es wohl vor allem noch die Geister der Vergangenheit, die Erinnerung an Verwandte und Freunde, die meisten von ihnen Künstler, Architekten, Schriftsteller, Journalisten, aber auch Politiker, mit denen sie lebte. Das Wohnhaus ihrer Familie, ein hübsches Landhaus im steirischen Prenning in Deutschfeistritz, in dem jahrzehntelang lebendiges Treiben herrschte, drohte zu verfallen. Als der heutige Besitzer und Retter des Hauses, Gabriel Hirnthaler, es besichtigte, regnete es schon durch das Dach in den Salon.

Lilly war die mittlere der drei Feuerlöscher-Schwestern. Die Schwestern Eva und Anna wurden 1903 und 1905, je ein Jahr vor und ein Jahr nach Lilly, geboren. Bruder Herbert kam 1907 als jüngstes Kind des Unternehmers Sigmund Feuerlöscher und seiner Frau Caroline zur Welt. Schon Großvater Daniel Baptist Feuerlöscher, ein auf Gas- und Wasserleitungsbau spezialisierter Bauunternehmer aus einer jüdischen Familie aus Böhmen, gründete 1884 seine "Holzstoff- und Papierfabrik" in Prenning in der Nähe von Graz. Er baute aber weiter an vielen anderen Projekten wie Elektrizitätswerken. Schon Daniel pflegte die Kontakte zu Künstlern und wurde als intellektueller, technisch genialer und rastloser Geist beschrieben. Mehrere Schlaganfälle konnten den Mann nicht von der Arbeit abhalten, bis er 1909 in einem Schnellzug zwischen Graz und Meran verstarb.

foto: privat; archiv tu graz
"Arbeiterwille"-Redakteur Kurt Neumann (links oben) machte in Hollywood Karriere. Architekt Herbert Eichholzer (rechts und unten im Pool der Familie Neumann) war der Einzige des Kreises, der nicht überlebte – die Nazis ermordeten ihn.

Sein Sohn Sigmund und seine vier Enkel Herbert, Eva, Lilly und Anna lebten im Winter im Stadthaus in der Grazer Merangasse. Die Mädchen besuchten das Lyceum in Graz und spielten Tennis beim GAK, der Bub machte die Matura in Horn. Die Sommer aber verbrachten die Kinder in Prenning, im Landhaus auf dem Fabrikgelände, wo sie später ihre schicksalhaftesten Freundschaften pflegen sollten.

War ihr Vater Sigmund noch in nationalen Bürgerkreisen in Graz unterwegs und Mitglied der Verbindung Schlaraffia, schlugen seine Kinder allesamt völlig aus der Art. Sie wurden Linke – und das als Fabrikanten!

In ihrem Haus gingen Künstler ein und aus und verbrachten hier die Sommer. Man diskutierte, sportelte, planschte im eigenen Pool direkt neben den Fabrikgebäuden. Zu den Arbeitern und benachbarten Bauern pflegte man ein gutes Verhältnis. "Sie waren freundschaftlich und offen eingestellt, aber trotzdem irgendwie aus einer ganz anderen Welt", sagt Gottfried Mühlbacher, ein Nachbar, dessen Vater mit Herbert Feuerlöscher befreundet war und für ihn arbeitete.

Flucht

Als Herbert Feuerlöscher später beim Einmarsch der Nazis gewarnt wurde, war es auch eine Bauernfamilie aus der Nachbarschaft, die ihn vor seiner endgültigen Flucht versteckte.

Unter den Dauergästen der Geschwister war Kurt Neumann, Schriftsteller, Redakteur und stellvertretender Herausgeber der sozialdemokratischen Zeitung "Arbeiterwille". Mit ihm war Anna Feuerlöscher vorübergehend verheiratet. Er floh vor den Nazis und machte später als Drehbuchautor und Schauspieler in Hollywood Karriere. Der Grazer Maler, Grafiker und Illustrator Axl Leskoschek war mit Lilly Feuerlöscher liiert und schrieb wie Neumann für den "Arbeiterwillen". Er war nach dem Februaraufstand 1934 von den Sozialdemokraten zur KPÖ übergelaufen und floh ebenfalls 1938. Bis nach Kriegsende blieb er als Professor an der Akademie der bildenden Künste in Rio de Janeiro. Er starb 1976 in Wien.

foto: privat
Kleine Gedichte und Karikaturen, mit denen sich Freunde gegenseitig auf die Schaufel nahmen: Auszug aus dem Gästebuch der Feuerlöschers, in dem u.a. Leskoschek Eichholzer festgehalten hat.

Im Gästebuch der Feuerlöschers wimmelt es vor lustigen Einträgen vor allem aus den 1930er-Jahren. Kleine Gedichte und Karikaturen, mit denen sich die Freunde gegenseitig auf die Schaufel nahmen. Das Haus des Widerstandes, das es im Krieg wurde, war auch ein Haus der Kreativität und Lebenslust. Eine Zeichnung Leskoscheks zeigt einen schlaksigen jungen Mann in kurzer Hose und mit Pfeife im Mund: Das ist sein Freund, der Architekt Herbert Eichholzer. Er hatte an der TU Graz studiert und in Paris von Le Corbusier gelernt, wurde einer der wichtigsten Vertreter der steirischen Moderne – und ein mutiger Kämpfer gegen die Nazis. Margarete Schütte-Lihotzky, die ihn kennenlernte, als er im Exil in der Türkei eine Außenstelle der KPÖ aufbaute, beschrieb in ihrem Buch "Erinnerungen aus dem Widerstand" (Promedia Verlag), wie sie den "charmanten jungen Mann" erstmals traf. Er stellte sich als Mitarbeiter von Clemens Holzmeister, mit dem er in die Türkei gekommen war, bei der später berühmten Architektin vor. Eichholzer arbeitete in seinem kurzen Leben in Paris, Duisburg, Graz, Moskau, Ankara und Istanbul. In Paris kümmerte er sich unter dem Decknamen "Karl Hase" um Umschulungen und Hilfe für Flüchtlinge aus Österreich. Obwohl bereits im Exil in der Türkei in Sicherheit, kehrte er im Frühjahr 1940 zurück nach Graz, um den Widerstand hier mit Gruppen im Ausland zu vernetzen.

Fünf Jahre zuvor, als man noch unbeschwerte Sommer in Prenning genoss, entwarf Eichholzer auch Spielzeug, gemeinsam mit dem Bildhauer Walter Ritter und Anna– dieses Holzspielzeug namens "Klump" wird seit 2003 wieder produziert.

foto: privat
Panorama von Deutschfeistritz aus dem Jahr 1901.

Anna war von den drei Schwestern am aktivsten im Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Sie war eine der ersten Anlaufstellen für Eichholzer nach dessen Rückkehr 1940. Die Schwestern lebten mittlerweile fix hier und führten die Fabrik in Abwesenheit ihres Bruders. Über die Postadresse des Hauses in Prenning hielten die anderen Widerstandskämpfer Kontakt zueinander. Doch die Gruppe flog 1941 auf. Mehr als 200 Menschen der steirischen Zellen wurden verhaftet. Auch Anna, die wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt wurde und bis zur Befreiung durch die Amerikaner 1945 im Frauengefängnis Aichach in Bayern inhaftiert blieb.

foto: privat
Widerstandskämpferin und Fabrikantin Anna Feuerlöscher (Neumann).

Herbert Eichholzer war der Einzige des sogenannten Prenninger Kreises, der nie mehr zurückkehren sollte. Er wurde 1943 in Wien mit nur 40 Jahren hingerichtet. Noch aus dem Gefängnis schrieb er Briefe an seine Grazer Familie, die er mit Zeichnungen aus dem Haftalltag illustrierte.

Unter den überlebenden Freunden war auch der Schriftsteller Ernst Fischer. Er wurde später KPÖ-Staatssekretär in der provisorischen Regierung Renner. Die SPÖ bemühte sich um Fischer, der aber blieb Kommunist, was ihm auch Kritik einbrachte, bis er als geläuterter Stalinist 1969 aus der KPÖ ausgeschlossen wurde. Er kehrte nicht nur nach Prenning zurück, er verließ es eines Tages nicht mehr. Bei einem Spaziergang im Juli 1972 erlitt er einen Herzinfarkt und verstarb in der Villa der Schwestern.

Aber wo war Bruder Herbert im Krieg? Herbert Feuerlöscher war jahrelang britischer Geheimagent. "This man has done extremely good work": So bewertete der britische Kriegsgeheimdienst Special Operations Executive (SOE) Ende 1944 die Arbeit des steirischen Fabrikanten. Sein Ansprechpartner bei der SOE war der bekannte britische Journalist G. E. R. Gedye, der als Korrespondent bis 1938 auch in Wien lebte. Er gab Feuerlöscher den Decknamen "Sapeur" (Pionier).

"This man has done extremely good work": So bewertete der britische Kriegsgeheimdienst die Arbeit von Herbert Feuerlöscher.

Der Historiker und Politikwissenschaftler Peter Pirker arbeitete die umfangreichen Akten zu Feuerlöscher aus dem britischen Staatsarchiv erst in jüngster Zeit auf. Feuerlöscher war lange in Istanbul im Exilwiderstand, aber auch in Palästina. Für die SOE arbeiteten damals insgesamt 144 Österreicher in Großbritannien, der Schweiz, den USA, Ägypten und Italien. In der Türkei waren es 14 Österreicher.

"Schwarze Propaganda"

Feuerlöscher gehörte zum engsten Kreis. Zu seinen Aufgaben gehörten nicht nur Netzwerken und die Auflistung sicherer Ansprechpartner zuhause, er war vor allem für die "schwarze Propaganda" zuständig: Feuerlöscher habe für die Verteilung von "500.000 bis zu einer Million" Propagandastücken in Österreich und Deutschland gesorgt, berichtete Gedye dem Geheimdienst.

Auf Flugblättern und in Broschüren wurden Männer zuhause zur Desertion ermutigt. Bei österreichischen Patrioten setzte man auf die Verstärkung antideutscher Ressentiments, für Katholiken strich man die Unvereinbarkeit von Katholizismus und Nazismus besonders hervor. In einer Broschüre, deren Autor ein – freilich fingierter – Dr. Wohltat war, wurden Methoden der Selbstverstümmelung für Soldaten erklärt, die sie untauglich machen sollten. Der Titel: "Krankheit rettet".

Herbert kehrte 1946 nach Prenning zurück. Er wurde wieder Fabrikant, lebte in einer benachbarten Villa der Schwestern und konnte das Unternehmen – angeblich auch dank Exporten in die Sowjetunion – noch lange führen. Dass die Firma den Krieg überdauerte, erklärt man sich damit, dass sie als "kriegswichtig" eingestuft wurde und unter anderem die Verpackungen für eine nahe gelegene Pulverfabrik herstellte.

foto: privat
Herbert Feuerlöscher mit Arbeitern der Fabrik um 1950.

Der Unternehmer blieb Kommunist. Ein Widerspruch, den es für ihn nicht gab. Er behandelte seine Arbeiter wie seinesgleichen und kandidierte in den 1950er-Jahren sogar bei Gemeinderatswahlen für die KPÖ. "Da hat er vorher allen eine Jause gezahlt", erinnert sich Gottfried Mühlbacher an Erzählungen seines Vaters, "aber gewählt hat ihn trotzdem fast keiner, da war er schon enttäuscht."

Auch die Kommunisten waren nicht frei von Misstrauen. So soll der langjährige Landesparteiobmann Willi Gaisch, der 2009 verstarb, immer persönlich vom 30 Autominuten entfernten Graz gekommen sein, um die "Parteisteuer" von Feuerlöscher zu kassieren. Dabei soll Gaisch den Mitgliedsbeitrag nur für Feuerlöscher deutlich erhöht haben, um zu sehen, ob es der Industrielle ernst meinte mit dem Kommunismus. Letzterer zahlte.

"Kulturpension Feuerlöscher"

Die Fabrik musste 1966 stillgelegt werden. Herbert starb 1976, seine Frau Charlotte 1994. Die Schwestern Eva (verheiratete Mahnert) und Anna starben 1976 und 1977. Lilly ging 1995 zuletzt. Die vier Geschwister blieben kinderlos und damit die letzte Generation der Familie Feuerlöscher.

Doch der Geist des Prenninger Kreises lebt weiter. Nachdem Gabriel Hirnthaler, dessen Frau aus der Region stammt, das Haus 2006 kaufte und liebevoll renovierte, eröffnete er die "Kulturpension Feuerlöscher". 2007 wurde der Verein "Prenninger Gespräche" unter anderem um den Grazer Galeristen Günter Eisenhut gegründet. Mit Ausstellungen, Vorträgen und Aktionen vor Ort ist es das erklärte Ziel des Vereins, "Weltoffenheit, Widerstandsgeist und Solidarität zu fördern".

Das Haus der Feuerlöschers 1930 und heute. (Foto: Hirnthaler)

Hirnthaler baute auch ein "Gästehaus im Garten" auf das ehemalige Fabrikgelände, wo Langzeitgäste leben und sich selbst versorgen können. Es gibt auch neu gebaute Gästezimmer im ehemaligen Stallgebäude. Man kann aber auch in den ehemaligen Zimmern der Feuerlöscher-Schwestern übernachten, im revitalisierten, von eiskaltem Quellwasser gespeisten alten Pool baden und im Salon neben dem Flügel in alten Büchern schmökern. Wenn es nachts kühler wird und die Holztreppe in der Villa knarrt, könnte man glauben, die Schwestern sind noch immer im Haus unterwegs. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 26.1.2015)