Lise Landais' "Pied-noir": Kolonialismus als Amuse-Gueule

22. Jänner 2015, 17:10
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Am Freitag im Institut français

Keine leichte Aufgabe stellt sich die in Wien lebende französische Künstlerin Lise Landais. In ihrem neuen Stück Pied-noir (ein Lied-Fragment), das vom Brut-Theater im Institut français gezeigt wird, versucht sie eine Annäherung an den Untergang Frankreichs als Kolonialmacht in Nordafrika zu Beginn der 1960er-Jahre.

Der Ort ist treffend gewählt: Das Institut français ist im ehemaligen Palais Clam-Gallas untergebracht, das 1834/35 in klassizistischem Stil erbaut wurde, als Frankreich damit begonnen hatte, sich Algerien unter den Nagel zu reißen. Die Form der Performance im Salon rouge ist so steif wie die seinerzeitige Gesellschaft - mit Darstellern respektive Darstellerinnen in Frack, Mascherl und langem Kleid. Ebenso geschnäuzt wirkt die Musik: Schuberts unvollendete Vertonung von Goethes Gedicht Mahomets Gesang - Sturm und Drang von 1774 - im gesitteten Vortrag des Baritons Nicolas Simeha. Zurechtgekampelt nach dem bürgerlichen Geschmack der Sechzigerjahre auch die The-Cure-Nummer Killing an Arab, eine popmusikalische Verarbeitung des Romans L'Étranger von Albert Camus.

Lise Landais hat Sinn für ironische Spitzen in ihren Referenzen. Doch diese Stacheligkeit schafft es leider nicht bis in die Struktur der Texte, die den Inhalt von Pied-noir ausmachen. Als "Schwarzfüße" wurden die europäischen Algeriensiedler bezeichnet. Das Ende der für die bestehende Bevölkerung überaus diskriminierenden französischen Kolonialherrschaft war blutig.

Der Schrecken dieser Ereignisse ist nur schwer zu vermitteln. Landais versucht es mit Zeitzeugenberichten. Und mit der biblischen Geschichte von Kain und Abel auf Basis der Oper La mort d'Abel von Rodolphe Kreutzer aus dem Jahr 1810.

Spätestens hier wird das Stück allzu verdaulich und gerät in die bekannte Falle aller überdisziplinierten Aufklärung. Dort verhält sich Kunst eher anrührend als aufrührerisch. Dem entsprechend bleibt Pied-noir ein Geschichts-Amuse-Gueule, das den mascherltragenden Neokolonialisten von heute auf der Zunge zerschmilzt wie eine Nostalgie. (ploe, DER STANDARD, 23.1.2015)

Institut français: 23. 1., 19.00

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