Die Geschichte des STANDARD

22. Jänner 2015, 15:30
posten

Wichtig war Supershift, der Name musste erst noch gefunden werden aber Bewerbungen gab es schon viele. Gerfried Sperl über Szenen einer Zeitungs-Geburt.

Einmal wanderten wir in den Sommertagen des Jahres 1988 an der Linken Wienzeile durch Teppichboden-Landschaften, ein andermal fuhren wir unterhalb von Schönbrunn in ein rechtes Mauseloch, auf dem Praterstern brachte uns ein Lift in ein unbelüftbares Loft – bis wir im Hause des früheren "Ringhotels" am Gestade ein biedermeierliches Dasein fanden.

Ausgangspunkt dieser Herbergssuche für die neue Tageszeitung war ein Büro in der Prinz-Eugen-Straße - wo Ende Juni alles begann. Mit dem Vorsatz, Anfang September mit den Probenummern zu beginnen und Mitte Oktober regulär zu erscheinen.

Die anderen Zeitungen des Landes waren skeptisch – wie jetzt bei Täglich Alles. Da der Glaube aber Berge versetzt, die Überzeugung Flügel wachsen läßt und Know-how den Sinn fürs Realistische schärft, haben wir damals den Zeitplan eingehalten. Nicht ohne wache Nächte und heiße Bildschirm-Viren im Kopf.

Am 1. Juli haben wir mit dem Springer-Technikchef Heinrich Meyer und seinen Mitarbeitern das Computersystem ausgesucht und eine Woche später für den dänischen Hersteller die Belegung der Tastaturen fixiert.

Wir sagten, dass Supershift einen roten Knopf haben müsse, dass das letzte Text Frei die Gewissheit bedeuten müsse, den Andruck gesichert zu haben. Und die – theoretisch beschleunigende – deutsche Absicht, nichts ohne Plan zu beginnen, ward öfters durchbrochen vom österreichischen Willen, zuerst zu inszenieren und dann erst zu planen.

Zwischen Butterbrot und Blattsalat wurden in wenigen Wochen über 200 Bewerbungen gesichtet, Termine vereinbart – wie in einem Zirkus, der seine Jongleure, Dompteure (und begabten Clowns) aussucht. So mancher nächtliche Anruf – von Bewerbern für die ganz andere Kunstrezension – konnte ebenso eine kurzfristige Verwirrung stiften, wie die telefonische Behauptung um Mitternacht, eine liberale Zeitung, die der New York Times nacheifere, brauche unbedingt einen Korrespondenten im Baltikum. Wie wahr – aus heutiger Sicht.

Je näher der August heranrückte, desto hektischer wurden unsere Gedanken. Wie soll die Zeitung eigentlich heißen? Wirtschaftsblatt, das war der Name des Projekts, das war der Urfaust dieser Unternehmung. Die Republik war ein scharfer Tip, ein Bekenntnis fast, das später in die Blattlinie floss. Die Unabhängige erinnerte uns an den Independent, Merkur klang so schön wirtschaftlich. Mir selbst gefiel Der Delphin. Sind wir nicht ein bisschen wie diese Meeressäuger?

Bis zum Vornamen des Gründers reichten die Vorschläge, zwei Dutzend waren es letztendlich, mit so ehrenwerten Überlegungen wie Neueste Nachrichten, oder Bürgerzeitung und Das Telegramm. Die Gazette klang da schon moderner.

Aber nichts griff so recht, der zündende Funke schien nicht dabei zu sein. Obwohl eine Dame, die sich für unsere Grafik bewarb, just das im Sinn hatte: Über den Schreibtisch gebeugt, konnte man besichtigen, was sie in großen Lettern auf riesiges Packpapier malte: Der Funke.

Der Feiertag am 15. August bot ein Wochenende geistiger Streckung. Zwischen südost-steirischen Weinstöcken blätterte ich in Büchern über Zeitungen, Kritisches und Historisches. Aus dem Kopf ging mir allerdings nicht mehr, was ich in Meyers Konversationslexikon des Jahres 1896 gelesen hatte: DER STANDARD als Zeitungsname und unter "Standard" auch die Information, dies bedeute u. a. "die Behauptung eines hohen Kulturniveaus".

Solcherart restlos überzeugt von der Richtigkeit dieses Vorschlags fuhr ich wieder nach Wien, um Oscar Bronner die Nachricht zu überbringen, ich hätte den ultimativen Namen für seine Gründung gefunden. Bei ihm war es eine Liebe auf den zweiten Blick. Die Durchsetzung dauerte einige Tage, die Skepsis blätterte ab, trotz einer Hiobsbotschaft: Sympathieumfragen hatten immer noch dem Wirtschaftsblatt einen Popularitätsvorsprung verschafft. Allein der journalistische Ansatz, dass Minderheiten bei Wahlen siegen können, ermöglichte den Durchbruch. Joey Badian, einer der ganz wenigen großen Typographen, der mit uns in diesen Tagen wohl alle Zeitungsschriften dieser Welt durchgesehen hatte, der die engere Auswahl rund um Concord, Zapf und Times in immer neuen Größen, Dikten und Zwischenständen laufend veränderte, ward schließlich auch mit der Enthüllung des Kopfes beauftragt. DER STANDARD reifte heran.

Gerfried Sperl, 9. März 1992

  • 1988, Gerfried Sperl
    foto: profil/wobrazek

    1988, Gerfried Sperl

Share if you care.