Fitnesscenter: Mühen und Flüche der Ebene

Blog23. Jänner 2015, 05:30
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Eigentlich dachte ich, mich von Fitnesscentern und Indoorsport losgesagt und befreit zu haben. Aber dann fragte meine Trainerin: "Sag, wie hält du es eigentlich mit dem Krafttraining?" Ooops!

Natürlich hat Sandrina recht. So wie eh fast immer. Aber muss ich deshalb auch wollen, dass das, was meine Trainerin mir in den Plan schreibt, stimmt? Immerhin habe ich bestimmt das eine oder andere Jahr in Muckibuden verbracht. Und dort Dinge getan, die mir heute richtig absurd vorkommen. Obwohl - und das gleich mal vorweg - ich es niemandem verübeln, aus- oder schlechtreden will, sich ausschließlich im Fitnesscenter zu bewegen. Egal, ob der Schwerpunkt auf Aerobic-Gymnastik-Wasauchimmer-, Kraft- oder Cardiotraining liegt: "Regel eins - jedem seins", postet unlängst jemand auf Facebook zu in einer Laufgruppe geteilten Robby-Clemens-Story . (Oder war das hier? Egal.)

Ich jedenfalls muss lachen, wenn ich heute Fotos von vor Jahren sehe. Ja eh: So geht es den meisten Menschen, wenn sie altes Bildmaterial von sich selbst sehen: Mode, Haare, Schuhe… Aber bei mir war da noch was. Und Paul Haber, ehemaliger Doyen der Leistungsdiagnostik und jetzt Präsident der Hakoah, brachte es am Rande eines Interviews einmal gut auf den Punkt: "Schön, dass Du solche Muckis hat - aber wieso willst Du die eigentlich mit dir herumschleppen?"

foto: thomas rottenberg

Obwohl ich damals noch gar nicht mit dem Laufen begonnen hatte und mich auf meine Fußfehlstellungen samt dazugehörigen Schmerzen nach drei Minuten am Laufband ausredete, ging mir ein Licht auf. Und ich verlagerte mein Training sukzessive von den freien und weniger freien Gewichten zu den Cardiogeräten. Und in den Aerobicsaal. (Ok, daran war auch ein bisserl Kristina Sprenger Schuld. Die war damals alles andere als ein TV-Star: Ihre Spinningstunden waren wirklich super. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Von Indoor...

Trotzdem: Ich blieb Indoor. Zum Hopsen. Zum Radeln. Zum Laufen (drei Minuten …). Zum Wasauchimmer. Fragen Sie nicht, wieso. Heute finde ich das grotesk. Irgendwann - ein paar gute Orthopäden und Physiotherapeuten später - landete ich dann doch im Freien. Lief zehn Minuten. Eine Stunde. Drei Stunden. Fünf Stunden. Radelte nicht mehr nur von A nach B, sondern auch um des Radelns willen. Schwamm. Kletterte. Ging zuerst wieder Skifahren und bald auch Skitouren. Undsoweiter. Und erkläre den Indoor-Sportlern seither: "Das wahre Fitnesscenter heißt ‚Draußen‘ - und kennt weder Einschreibe- noch Mitgliedsbeiträge."

foto: thomas rottenberg

Den abgelutschten Spruch, dass es kein schlechtes Wetter, sondern nur die falsche Ausrüstung gibt, als Wahrheit zu akzeptieren, lehrte mich dann der Hund. Und während ich früher viel Geld für Designerfetzen verbrannt hatte, gingen nun die gleichen - oder größere - Summen für Funktionskleidung drauf: (Dass Outdoormagazinjournalisten unter- und gegeneinander exakt solche Was-trägt-der-denn-für-Marken?-Bitches sind, wie Modejournalistinnen, sei hier nur am Rande erwähnt. Und: ja, die geschlechtsspezifischen Endungen stehen hier bewusst so, wie sie dastehen. Auch wenn es in beiden Schubladen auch ein paar Quotenmännchen/weibchen gibt.)

Im Trimmclub war ich trotzdem. Und der Traum jedes Fitnesscenterbetreibers: Ein zahlendes Mitglied, das nie da war. Also weder Platz noch Warmwasser verbrauchte: Um das Geld, das ich da über die Jahre liegen ließ, hätte ich mir die Sauna und das Dampfbad, die ich im Winter hin und wieder besuchte, auch daheim ins Bad bauen können. Und soooo oft war ich in Wirklichkeit auch nicht im feinen 25-Meter-Pool zu finden.

...zu Outdoor

Doch dann begann ich halt zu laufen. Erst ein bisserl. Dann ein bisserl mehr. Mittlerweile sogar nach Plan: Dass das doof und unnötig sei, hatte ich über Jahre gedacht - bis ich das erste Mal einen Trainingsplan bekam. Und nach dem Unterschied der Fortschritte Lieder singen konnte. Ich zumindest. Für andere mag anderes gelten.

Als ich dann bei Sandrina Illes landete, klappte ich immer dann, wenn meine Trainerin das F- oder das K-Wort bemühte, die Ohren zu: Ich war draußen. Und aus.

Blöderweise ging sich das irgendwann nimmer aus. Nicht, wenn man ein bisserl besser werden will. Oder - wie ich - 1001 kleine Schädigungen, Verletzungen und Wehwehchen, die man früher weggeschoben oder übergangen/überlaufen hat, statt sie vernünftig auszukurieren mit zunehmendem Alter doch, unerbittlich und nachhaltig ans Tageslicht kommen: "Wie hältst Du es eigentlich mit dem Kafttraining", fragte Sandrina irgendwann - und kannte die Antwort bevor sie die Frage gestellt hatte: Ooops - erwischt.

Dementsprechend schaut mein Plan derzeit aus: Zweimal pro Woche Muckibude. Ich hasse es. Erstens, weil drinnen. Zweitens, weil es lauter Übungen sind, die - richtig ausgeführt - richtig zaach sind. Und die, drittens, so überhaupt nicht dazu taugen, Eindruck zu schinden. Weder während noch nach dem Training. Bei niemandem. Aber warum sonst geht man in ein Fitnesscenter? (Ja eh: Sie natürlich nicht. Aber alle anderen.) Viertens, weil drinnen. Ach so, das hatten wir schon? Aber es zählt doppelt. Oder dreifach.

foto: thomas rottenberg

Das Blöde an der Sache: Die Trainerin hat natürlich recht. Weil all die Kniebeugen-, Ausfallschritt-, Beinpresse-, Wadenbeuger-, Adduktoren-, Abduktoren-, Rumpf-, Seit-, Bauch- und sonstigen Übungen mit und ohne Gewichte, Widerstände, Korrekturen und Unterstützung, all das Dehnen, Stärken und Mobilisieren halt tatsächlich genau jenes Fundament sind, auf dem das, was Spaß macht, erst drauf gesetzt werden kann. Keine Ahnung, ob es Paul Haber oder sonst jemand war, der mir einmal sagte: "Fitness ist kein Ziel - das ist einer dieser großen Irrtümer. Denn Fitness ist nur die Basis: Erst wenn die da ist, kann man mit Sport beginnen."

Stimmt. Weiß ich eh. Drum hat Sandrina ja auch recht. Aber ich muss ja nicht mögen, dass sie recht hat - solange ich mir trotzdem die Hantelstange auf die Schultern lege und brav Ausfallschrittkniebeugen mache: "Man darf seine Trainerin manchmal auch ein bisserl verfluchen", sagte mir Illes einmal. "Vor allem dann, wenn es motiviert - und einen weiter bringt." (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 23.1.2015)

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