Europa als Sorgenkind der Weltwirtschaft

21. Jänner 2015, 18:34
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Unterschiedliche Einschätzungen gab es beim Weltwirtschaftsforum in Davos über das Vorgehen der Europäischen Zentralbank und die Auswirkungen des niedrigen Ölpreises

Dem früheren Präsidenten der Deutschen Bundesbank, Axel Weber, platzte fast der Kragen: "Wir können alle zwei Jahre über die gleichen Themen reden. Europa hat strukturelle Probleme, die endlich gelöst werden müssen", sagte der nunmehrige Präsident der Großbank UBS bei einer der Auftaktdiskussionen zum Weltwirtschaftsforum in Davos. Weber kritisierte Europas Politiker, dass sie Chancen für Reformen nicht genutzt hätten. Da helfe es wenig, wenn die Europäische Zentralbank (EZB) entscheide, ihre Geldschleusen zu öffnen. Zeit zu kaufen und sie nicht zu nutzen sei wie Medizin, die nicht wirke, warnte Weber, der als Bundesbanker stets Reformen im Gegenzug für europäische Rettungsprogramme eingemahnt hatte.

Staatsanleihen-Ankauf

Ganz anders fiel die Einschätzung von einem aus, an den sich Webers Kritik richtete: Der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi begrüßte bei seinem ersten Auftritt beim Weltwirtschaftsforum den für Donnerstag erwarteten Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB. "Die Schritte der EZB werden ein Zeichen setzen, dass Europa in eine neue Richtung geht", sagte Renzi. Die Europäische Union dürfe nicht immer nur über das Sparen reden.

Dass Europa so bald kein starkes Wachstum erwarten könne, darüber herrschte am ersten Tag des Treffens der Polit- und Wirtschaftselite Einigkeit. "Ich bin nicht sicher, ob Europa ein Risiko ist oder eine depressive Tatsache", sagte der frühere Chefökonom des Internationalen Währungsfonds und nunmehrige Harvard-Professor Ken Rogoff. Auch Nouriel Roubini, der als einziger Ökonom ziemlich präzise die Finanzkrise 2008 vorausgesagt hatte, sieht die Krise in der Eurozone trotz des Handelns der EZB nicht als überwunden an. Ob sich die Krise nach einem Wahlsieg der Linken in Griechenland verschärfen werde, wollte der amerikanische Nationalökonom auf eine Frage des STANDARD hin nicht beantworten. "Es liegt jetzt an den Menschen in Griechenland zu wählen. Das ist Demokratie. Dann sieht man weiter."

Unsicherheitsfaktor Wahlen

Rogoff sprach ebenfalls die bevorstehenden Wahlen in Spanien an, auch dort "könnte etwas passieren, und dann ist alles anders". Seiner Einschätzung nach wurden auch die Zentralbanken davon "überrascht", dass sie Schwierigkeiten haben, Inflation zu erzeugen, und stattdessen gegen Deflation kämpfen müssen. Auch das sei nicht vorhersehbar gewesen.

Generell herrschte am ersten Tag in Davos die Einschätzung vor, die Konjunktur in den USA habe sich viel besser als erwartet entwickelt, jene in China schlechter, und in Europa gebe es nach wie vor die alten Probleme.

"Sanktionen sind dumm"

Der russische Vizepremierminister Arkadi Dworkowitsch nutzte die Gelegenheit seines Auftritts in Davos, um für ein Ende der Wirtschaftssanktionen gegen sein Land zu werben: "Sanktionen sind immer dumm. Sanktionen gegen Russland richten sich auch gegen Europa und die USA." Das beste Szenario für eine Verbesserung der Wirtschaftsaussichten wäre, diese wieder aufzuheben, meinte der Repräsentant Moskaus.

Er kündigte weiters an, Russland werde im ersten Quartal Geld in die Hand nehmen, um den Bankensektor zu stabilisieren. "Das ist für uns ein wichtiges Thema", sagte er. Wie sehr der gefallene Ölpreis die Wirtschaft Russlands belaste, wollte er nicht ausführen, nur dass dies "ein Thema" sei.

Fallender Ölpreis

Rogoff vertrat hingegen die Ansicht: "Der fallende Ölpreis ist ein großer Segen für Europa, China, Japan und die USA. Ich glaube, dass es unterschätzt wird, wie stark der gefallene Ölpreis helfen wird." Ganz generell sei er der Meinung: "Es wird kontinuierlich besser." Rogoff war damit einer der wenigen Optimisten am ersten Tag in Davos.

Bewusst pessimistischer will hingegen China in das heurige Jahr gehen. Zentralbankchef Zhou Xiaochoan erklärte, sein Land werde sich für 2015 weniger ehrgeizige Wachstumsziele stecken. Eine Zahl nannte er nicht. Die Wirtschaft Chinas ist mit 7,4 Prozent im Vorjahr so langsam gewachsen wie seit 24 Jahren nicht mehr. (Alexandra Föderl-Schmid aus Davos, DER STANDARD, 22.1.2015)

  • Der frühere Präsident der Deutschen Bundesbank, Axel Weber, richtete in Davos scharfe Warnungen an Europas Politiker und die Europäische Zentralbank.
    foto: epa/gillieron

    Der frühere Präsident der Deutschen Bundesbank, Axel Weber, richtete in Davos scharfe Warnungen an Europas Politiker und die Europäische Zentralbank.

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