Ich bin nicht Charlie

Kolumne21. Jänner 2015, 17:14
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Die Attentate von Paris wirken nach, und es ist nicht zu übersehen, dass sie die Gesellschaft gespalten haben

Ihr macht eine große Demonstration, weil zwölf Leute umgekommen sind, sagt der junge Mann im Deutschkurs. Aber da, wo ich herkomme, werden jeden Tag Menschen getötet, und für die geht niemand demonstrieren. Keine untypische Aussage für junge Migranten der zweiten Generation in Europa. Der Deutschschüler ist kein Terrorist und will auch keiner werden. Aber "Je suis Charlie"? Das auch wieder nicht. Mit Menschen, die den Propheten beleidigen, mag er sich nicht identifizieren.

Die Attentate von Paris wirken nach, und es ist nicht zu übersehen, dass sie die Gesellschaft gespalten haben. Die wenigsten finden gut, was geschehen ist. Aber den meisten Einheimischen wird der Islam als solcher allmählich unheimlich, und die meisten Muslime fühlen sich zu Unrecht unter Generalverdacht gestellt. Ständig werden die muslimischen Communitys aufgefordert, sich vom Terror zu distanzieren. Das tun sie auch, aber meistens mit dem Zusatz: Damit haben wir nichts zu tun, das ist nicht unser Islam. Wie kommen wir dazu, sagen viele, uns von etwas distanzieren zu müssen, das wir nie gutgeheißen haben?

Andererseits: Haben sie wirklich nichts mit den radikalen Islamisten zu tun? Sind diese nicht, trotz allem, ihre Leute? Verlorene Kinder des Islam, wie einst die Terroristen der Roten Brigaden und der Roten Armee Fraktion verlorene Kinder der Linken waren?

Vor einer Generation wären die meisten von ihnen wohl irgendwo im Umfeld der Kommunisten zu finden gewesen, ebenso übrigens wie die meisten der ermordeten Zeichner von Charlie Hebdo. Letztere hatten sich auf ihre alten Tage dem Spott gegen jede Art von Establishment verschrieben und der Verteidigung des Laizismus gegen jede Art von Religion. Für die Jungen von heute freilich bieten sich wenige Ideen und Ideologien an, für die es sich zu kämpfen lohnte. Die Jugendorganisationen der politischen Parteien und der Kirchen sind praktisch bedeutungslos. Umweltschutz, Tierschutz, Gendergerechtigkeit sind nett, aber nichts für Radikale. Viele Junge interessieren sich fürs Karrieremachen und wollen viel Geld verdienen - keine Option für Vorstadtproletarier mit Migrationshintergrund. Der radikale Islam, sagen denn auch Experten, ist inzwischen zu einer Art Jugendbewegung geworden, die auch Nichtmuslime anzieht. Zwanzig Prozent der IS-Kämpfer, heißt es, sind Konvertiten.

Im Nachhinein muss man die Leistung des Roten Wien der Zwischenkriegszeit bewundern. Damals schafften es die Sozialdemokraten, den deklassierten jungen Arbeitern - unter ihnen viele Zuwanderer aus Nachbarstaaten - Würde, Stolz, Identität und ein Ziel zu geben, verbunden mit dem Antrieb zu Bildung und Gemeinsinn. Auch heute sehnen sich viele Junge danach, sich für etwas zu engagieren, Mut und Opferbereitschaft zu beweisen, für eine Sache zu kämpfen, die größer ist als sie selbst. Das Kalifat, das alle Muslime der Welt vereinigen und den Islam zu alter Größe zurückführen will, scheint diesem Anspruch zu entsprechen.

Eigentlich ein Armutszeugnis für den demokratischen Westen, dass er dieser Vision scheinbar nichts entgegenzusetzen hat. "Je suis Charlie" stand für Meinungsfreiheit inklusive des Rechts zu beleidigen, was anderen heilig ist. Das war eindrucksvoll. Aber nicht eindrucksvoll genug für eine nachrückende Migrantengeneration auf der Suche nach Idealen. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 22.1.2015)

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