Wer hat den Größeren?

Kommentar der anderen21. Jänner 2015, 17:11
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Kritik an zu viel Ausstellungsfläche trifft nur Künstlerinnen und niemals Künstler

Matthias Dusini äußert sich in einem Ö1-Interview erbost über die der Künstlerin Cosima von Bonin zugestandene Ausstellungsfläche im Mumok: "Sie ist viel zu groß." Mit großen Sonderausstellungen über mehrere Etagen hat Edelbert Köb begonnen. Zuerst war Kunst aus China zu sehen, dann folgten Einzelausstellungen von Claes Oldenburg, Erwin Wurm, Dan Flavin und Josef Dabernig. Alles Männer. Nun beansprucht erstmals eine Frau dieselbe Ausstellungsfläche, und da wird man(n) nervös.

Die Retrospektive hat Bonin selbst eingerichtet. Sie konnte aber Dusini nicht, wie er aufgeregt bekundet, glaubhaft machen: "Warum Bonin so groß?" Oh wie schade. Die Ausstellungen von Oldenburg, Wurm, Flavin und Dabernig wurden aber wegen der so großen Fläche nicht kritisiert. Warum? Ganz einfach, weil offenbar die Präsentation der Werke von Männern schon als Argument zählt.

Anlässlich der Ausstellung von Cindy Sherman im Moma in New York gab es eine ähnliche Diskussion, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Die Starkritikerin Roberta Smith kritisierte in der New York Times, dass das Museum eine Chance vertan hat, Cindy Shermans Werke nicht auf der gleich großen Ausstellungsfläche zu würdigen, wie es zuvor der Fall war bei Willem de Kooning, Martin Kippenberger, Gabriel Orozco, Martin Puryear und Richard Serra. Lobenswerterweise erfolgte diese Diskriminierung im Mumok nicht.

Dafür sieht es in Venedig aber nicht gut aus. Seit mehr als hundert Jahren findet die angesehene Kunstbiennale statt, aber kein einziges Mal wurde einer Künstlerin im österreichischen Pavillon eine Einzelausstellung (!) zugestanden. Sogar Maria Lassnig und Valie Export mussten sich 1980 den Pavillon teilen. Es wird Zeit, dass sich das ändert! (Gabriele Schor, DER STANDARD, 22.1.2015)

Gabriele Schor ist Direktorin der Sammlung Verbund, Wien. Am 12. März eröffnet in der Hamburger Kunsthalle die von ihr kuratierte Ausstellung "Feministische Avantgarde der 1970er Jahre".

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