Historisch weiter, historisch hoch

21. Jänner 2015, 16:41
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Österreichs Handballer feierten bei der WM in Katar einen Kantersieg gegen den Iran. Nach einem 38:26 (18:13) hat Österreich erstmals das Achtelfinale erreicht. Zuvor geht 's am Freitag noch gegen Mazedonien

Doha - "Wir haben", sagte Österreichs Teamkapitän Viktor Szilagyi, "unser Ziel erreicht." Szilagyi stand in der Interviewzone der Al-Sadd-Halle in Doha, und er sagte es völlig gelassen. "Wir sind unserer Favoritenrolle gerecht geworden." Der Iran hat Österreich wie erhofft kaum zu schaffen gemacht, sogar weniger zu schaffen gemacht, als erwartet worden war. Die Iraner, die Mazedonien und Bosnien-Herzegowina ordentlich zugesetzt hatten, wirkten von Anfang an müde. Österreich zog das geplante Spiel auf, stand in der Deckung gut und kam über Gegenstöße zum Abschluss - vor allem der schnelle linke Flügel Raul Santos tat sich da hervor.

7:1 hieß es nach wenigen Minuten, da konnte Österreichs isländischer Teamchef Patrekur Johannesson es sich schon leisten, etliche Stammspieler zumindest phasenweise zu schonen. So schrumpfte ein 18:9-Vorsprung bis zur Pause auf 18:13, nach der Pause wurde er noch etwas kleiner. Näher als bis auf drei Tore kam der Iran aber nicht heran (17:20), und im Finish lockerten die Österreicher noch einmal die Handbremse. Am Ende hieß es 38:26, und nicht weniger als zwölf Spieler hatten sich in die Schützenliste eingetragen. Zum besten Spieler der Partie wurde dennoch oder deshalb Torhüter Nikola Marinovic gewählt, der 14 von 39 Bällen pariert hatte.

Österreichs Handballer stehen erstmals in einem Achtelfinale, schon jetzt steht der größte Erfolg der Neuzeit fest. 2011 schloss Österreich auf Rang 18, 1993 auf Rang 14 ab, damals gab's freilich noch kein Achtelfinale, nach der Vorrunde war Endstation. Der zweite WM-Platz aus grauer und brauner Vorzeit, jener von 1938 hinter Deutschland (nur vier Nationen spielten mit), wird sich diesmal wahrscheinlich nicht ausgehen. Muss er sich aber auch nicht, auch wenn Johannesson sagt: "Ich träume vom Titel."

Höher als mit zwölf Toren Differenz hat Österreich noch keine WM-Partie gewonnen, mit zwölf Toren Differenz nun schon drei WM-Spiele. 1958 gab's ein 24:12 gegen Brasilien, 1993 ein 31:19 gegen die USA. Schon am Freitag (17 Uhr, live auf derStandard.at und ORF Sport plus) geht's im letzten Gruppenspiel gegen Mazedonien, das am Mittwoch Kroatien mit 26:29 unterlag. "Das Bonusspiel, auf das wir gehofft haben", sagt Goalie Marinovic.

Es geht um den zweiten Gruppenplatz, der im Erfolgsfall möglich wäre, wobei auch der dritte und der vierte Gruppenplatz nicht ausgeschlossen sind. Mögliche Achtelfinal-Gegner sind Spanien, Gastgeber Katar und Slowenien, als Vierter könnte Brasilien die besten 16 erreichen. Szilagyi: "Wir stehen im Achtelfinale, natürlich muss jetzt das Viertelfinale unser Ziel sein."

Einen Österreich-Bezug gibt es im Handball fast immer und überall und also auch bei einem Gegner namens Iran. Dessen Teamchef Borut Macek, ein Bosnier, hat von 2000 bis 2002 die Männer von Handball Mittelkärnten/Feldkirchen trainiert. Dort sagen sie, Macek bleibe ihnen "als toller Typ in guter Erinnerung". Österreichs Nationalteam kann ab sofort auch und positiv an Macek denken.

Nikola Bilyk hatte schon einen besseren Tag bei der WM in Doha. Am Ende war's egal. Bilyk trug sich gegen den Iran wie elf andere in die Scorerliste ein. Das Team hat sein Ziel, das Achtelfinale, erreicht. (Fritz Neumann aus Doha, DER STANDARD, 22.1.2015)

Ergebnis und Werfer vom Spiel Österreichs bei der Handball-WM der Männer vom Mittwoch - Gruppe B, 4. Runde:

Österreich - Iran 38:26 (18:13). Doha, Al-Sadd-Halle, 300 Zuschauer

Werfer AUT: Santos 8, Weber 6, Mayer 5, Ziura, Ascherbauer je 4, M. Hermann 3, Szilagyi, Bilyk je 2, Posch, Schlinger, Wagesreiter, Klopcic je 1.

Werfer Iran: S. Esteki 7

Meinungen zum Spiel:

Patrekur Johannesson (ÖHB-Teamchef): "Das Achtelfinale war unser Hauptziel. Ich freue mich aber nicht so sehr über das Spiel heute. Wir haben sehr gut begonnen, die Mannschaft war sehr konzentriert. Dann habe ich angefangen zu wechseln, und dann war ich sehr unzufrieden. Ich verlange einfach mehr Qualität. Ich muss wechseln. Nicht jeder hat die Taktik bis Ende gespielt, und das ist einfach schlecht. Niko Marinovic war die ganze Zeit sehr konzentriert. Die Abwehr war 20 Minuten überragend, dann 10 Minuten ganz schlecht. Ich will einfach mehr. Wenn wir gegen Mazedonien das System nicht halten, werden sie uns bestrafen. Diese zehn Minuten in der ersten Halbzeit waren nicht in Ordnung. Mazedonien ist die älteste Mannschaft, hat die meiste Erfahrung. Sie sind sehr intelligent. Wenn wir solche Phasen wie heute haben, haben wir keine Chance. Wenn wir den Plan und die Disziplin halten, haben wir eine gute Chance."

Nikola Marinovic (ÖHB-Torhüter, Man of the Match): "Ich glaube, dass wir heute Historisches für Österreichs Handball geleistet haben. Das ist zu vergleichen mit den Hauptrunden bei den zwei EMs (2010 und 2014)."

Robert Weber (ÖHB-Flügel): "Wir hatten Riesenrespekt. Wir haben es auf keinen Fall auf die leichte Schulter genommen. Dank Niko (Anm.: Marinovic), der uns den Rücken frei gehalten hat, haben wir einen guten Lauf gemacht. Jetzt geht es einmal gegen Mazedonien. Je besser man in der Tabelle ist, desto einfachere Gegner gibt es dann. Wir wollen noch eine weitere gute Partie liefern."

Borut Macek (Trainer Iran): "Wir wollten Österreich überraschen und Szilagyi herausnehmen, das ist uns nicht gelungen. Die Aufholjagd hat uns zu viel Kraft gekostet. Österreich hat die Geschenke, die wir ihnen gemacht haben, angenommen."

  • Lucas Mayer und Co ließen sich vom Iran nur selten niedermachen.
    foto: apa/licovski

    Lucas Mayer und Co ließen sich vom Iran nur selten niedermachen.

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