Missbrauchsprozess um "zärtliches Aufwecken"

22. Jänner 2015, 08:00
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Ein 27-Jähriger soll seinen 15 Jahre alten Stiefsohn über Monate sexuell genötigt haben. Der Angeklagte bestreitet das und vermutet eine Intrige des leiblichen Vaters

Korneuburg - Christian K. sagt, seine Freundlichkeit habe ihn wegen geschlechtlicher Nötigung eines Minderjährigen vor das Schöffengericht unter Vorsitz von Franz Furtner gebracht. Da er nämlich seinen 15-jährigen Stiefsohn bei der morgendlichen Tagwache nicht abrupt aus dem Schlaf reißen, sondern ihn mittels Kopfkraulens aus dem Land der Träume holen wollte.

Demgemäß bekennt sich der 27-Jährige zur Anklage von Staatsanwalt Christian Pawle nicht schuldig. Der erzählt nämlich dem Gericht, basierend auf der Schilderung des Opfers, eine ganz andere Geschichte. Zwischen Jänner und Sommer 2014 soll sich der Angeklagte immer wieder in der Früh ins Bett des Teenagers gelegt haben. Bekleidet, aber mit erigiertem Penis, den er gegen das Hinterteil des Opfers drückte.

Pawle sagt, dass das gerade noch eine "geschlechtliche Handlung" im Sinne des Gesetzes darstelle, für Verteidiger Elmar Kresbach ist das "zärtliche Aufwecken", wie er es nennt, dagegen ein "Nichttatbestand".

Streit mit leiblichem Vater

Sehr, sehr wortreich versucht Kresbach zu überzeugen, dass es ganz andere Hintergründe gebe. Der leibliche Vater des Burschen liege mit dessen Mutter und K. im Clinch. Und nun habe der seinen Sohn überzeugt, falsche Anschuldigungen zu erheben.

"Wie kommt Ihr Stiefsohn zur Anzeige?", fragt Vorsitzender Furtner also den Angeklagten. "Er ist kein schlechter Mensch, aber er lässt sich leicht lenken. Sein Vater nutzt ihn für seinen Hass aus."

Vor fünf Jahren sei er in die Familie gekommen, das Verhältnis zu beiden Stiefsöhnen sei gut gewesen. Bis auf eine Kleinigkeit: Der 15-Jährige beschwerte sich eines Tages bei seiner Mutter, dass K. zur Tagwache immer das Licht aufdrehte und "Aufstehen" bellte. "Er hat gesagt, er will aufgeweckt werden wie von der Mama", erzählt der Angeklagte. Also habe er es sich angewohnt, dem schlaftrunkenen Teenager halb im Bett liegend den Kopf zu kraulen.

Verschwörungstheorie des Angeklagten

Staatsanwalt Pawle stellt bezüglich der Verschwörungstheorie eine durchaus treffende Frage: "Ist es nicht seltsam, dass Ihr Stiefsohn etwas sagt, das gerade noch den Tatbestand erfüllt? Er könnte ja auch von erzwungenem Oralsex reden!" Der fünffach, aber nicht einschlägig vorbestrafte K. hat keine Antwort.

Der Stiefsohn bleibt bei seiner Darstellung. Eine Auffälligkeit gibt es aber: Bei seiner Anzeige hatte er noch von sieben Vorfällen gesprochen, später von mindestens 40. Aus Scham und Angst habe er lange geschwiegen.

Der Senat gibt dem Antrag des Verteidigers statt, einen Aussagepsychologen beizuziehen, um die Glaubwürdigkeit des Teenagers überprüfen zu lassen, und vertagt. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 22.1.2015)

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