"FAZ": "Religion der Egoshooter" schuld an jugendlichen Terroristen

21. Jänner 2015, 14:35
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Deutscher Autor sieht Gefahr in gewaltverherrlichenden medialen Inhalten

Verarmung, soziale Isolierung, fehlende Bildung, Hoffnungslosigkeit: Es gibt viele Gründe, die Menschen an den Rand der Existenz treiben. Extremistische Organisationen, Sekten, fanatische Religionsführer und Politiker wissen diese scheinbar ausweglosen Situationen für sich zu nutzen und offerieren sich gerne als Heilsbringer. Auch die Attentäter der Anschläge in Paris vom 7. Jänner stammten aus tristen Umfeldern, wie sie am Pariser Stadtrand zu finden sind. Ihr Alltag war schon von Kriminalität bestimmt, bevor sie sich einer radikalen Bewegung angeschlossen hatten. Ein Werdegang, der beispielgebend ist für viele junge Menschen, die ihren Ausweg in terroristischen Organisationen suchen.

"Religion der Ego-Shooter"

Der Philosoph und Autor Guillaume Paoli sieht in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("FAZ") allerdings einen weiteren Grund für die steigende Zahl jugendlicher Terroristen in Europa. Religion und soziale Umstände allein können nicht schuld daran sein, heißt es, sondern auch Medien tragen Schuld daran. Von hetzerischem Gangster-Rap über manipulierende soziale Medien und gewaltverherrlichende Videos und vor allem auch Gewaltspiele wie Egoshooter würden die Einstellung von Jugendlichen zu realer Gewalt negativ beeinflussen. "Ist es wirklich der Islam, zu dem sich jugendliche Terroristen bekennen? Oder nicht vielmehr die Religion der Egoshooter und cool geübter Aggression?", so die Einleitung in den Artikel. Und extremistische Organisationen wiederum wüssten, diese Möglichkeiten für sich zu nutzen.

"Es ist kaum zu bestreiten, dass Egoshooter-Spiele auf die narzisstischen Neigungen ihrer Nutzer setzen: die 'Ich gegen die Welt'-Haltung, die Unbesiegbarkeitsphantasie, die Gefahrsucht", schreibt Paoli. "Deswegen werden sie auch geliebt: Für das Durchsetzungsvermögen und die Effizienzsteigerung ist eine gute Prise von banalem Narzissmus erforderlich. Doch ist die Grenze dünn zwischen banalem und malignem Narzissmus. Sie wird aufgehoben, wenn sich mediale und reale Erlebniswelten vermischen und die Tötungshemmung überwunden wird." Dabei lässt der Verfasser Studien außer Acht, die immer wieder einen Zusammenhang zwischen gespielter und realer Gewalt ausschließen.

Manipulation

Extremisten wüssten sich diesen Narzismus und das Mindset der Spieler zu manipulieren, so der Autor und macht dies an einem Beispiel fest. IS-Kämpfer würden Jugendliche mit Sprüchen wie "This is our call of duty and we respawn in Jannah" oder "Mein leben ist spannender als 'Call of Duty'" locken. "Call of Duty" und "respawn" als Referenz auf das beliebte Kriegsspiel und die automatische Wiederbelebung in einem Spiel würden Spieler sofort verstehen, dafür brauche es keinen Glauben. "Das Märtyrertum braucht keinen transzendentalen Glauben, es ist spielimmanent. Dem Süchtigen ist die Vorstellung ein Greuel, dass sein Spiel irgendwann aufhören wird. Die islamistische Respawn-Funktion erlöst ihn von dieser Angst. Es gibt immer eine nächste Runde", heißt es in dem Artikel.

"Wenn es um Sex geht, wird die anstiftende Funktion von Bildern bemüht. Allein dem virtuellen Mord wird keine Auswirkung unterstellt. Nun geht IS die Gegenwette ein. Seine Clips zielen darauf ab, den Schritt zur Tat zu initiieren."

Lebensbejahende Spiele gefordert

Paoli fordert von der westlichen Gesellschaft deshalb, nicht nur gegen die "Fanatisierung von außen", sondern auch "gegen die Sucht, die von medialen Systemen strukturell generiert wird" vorzugehen. "Der Islamische Staat mag demnächst auf dem Schlachtfeld besiegt werden, nichtsdestotrotz werden die Mittel bleiben, derer er sich bedient und die anderen, auch säkularen Gruppen, zur Disposition stehen. Es kommt darauf an, das in der Mediengesellschaft eingenistete terroristische Potenzial radikal in Frage zu stellen. Möge die nächste Rebellion die Todesbegeisterung vergessen, um empathische und lebensbejahende Spiele zu entwickeln." (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 21.1.2015)

  • Glauben Sie, dass Spiele wie "Modern Warfare 3" die Einstellung zu realen Gewalttaten negativ beeinflussen?
    foto: call of duty: modern warfare 3

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