Album der Woche: Belle & Sebastians "Girls in Peacetime Want to Dance"

22. Jänner 2015, 17:05
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Belle & Sebastian veröffentlichen ihr elftes Album. "Girls in Peacetime Want to Dance" poppt jede höfliche Party

Fragil und fett zugleich. Was sich scheinbar ausschließt, Belle & Sebastian führen es zusammen. So wie sie ihr Album Girls in Peacetime Want to Dance nennen und dann eine junge Dame mit Krücken auf dem Boden sitzend ab bilden. Aber Widersprüche machen die schottische Band rund um Mastermind Stuart Murdoch aus.

Die seit Mitte der 1990er-Jahre existierende Band ist einerseits die ultimative britische Independent-Gruppe, wie sie in den 1980ern wie die Schwammerln bei Inselregenwetter aus dem Boden geschossen sind. Andererseits sind sie fast Superstars, die nebenbei schon auch einmal die Hollywood-Bowl in Los Angeles ausverkaufen.

Der Verweis auf Tanzbodengehopse im Titel ist im Fall des elften Albums ernst gemeint. Während man auf dem Kontinent bei geistreicher Gitarrenpopmusik bis heute gerne "Gitarrenpopomusik" meint, also Sitzmusik, bestand auf der Insel schon immer auch ein Partyauftrag. Dem haben Murdoch und Co mit getriebenen bis vor verzweifelter Euphorie gehetzten Stücken fast immer entsprochen. Girls in Peacetime Want to Dance legt da ein Paar Songs nach.

Die ersten vier des Albums sind handfeste Partylieder. Natürlich hat man dafür die Schuhe ausgezogen und tanzt federleicht auf den Ringelsocken zu diesen himmlischen Liedern. Man ist schließlich eine höfliche Band.

Höflicher Zyniker

Dass man trotz allem dann und wann schlechte Laune hat, soll möglicherweise die zweite Dame verdeutlichen, die auf dem Cover mit einem Maschinengewehr im Anschlag steht. Doch bevor man sich fürchtet, stürmt die Formation bereits wieder auf den Dancefloor, umschmeichelt uns dort mit bohrenden Synthiesounds, lieblichem Gesang und ebensolchen Melodien. Das Leben ist zu kurz, um mit Schießgewehren zu spielen! Endlich einmal eine Platte mit Botschaft.

Enter Sylvia Plath überholt die Pet Shop Boys auf der rechten Seite, The Everlasting Muse jazzt gar ein wenig. Doch all das verwischt nicht die Handschrift Murdochs, dieses sanften Diktators, dieses Posterboys aller höflichen Zyniker und nägelbeißenden Tagebuchschreiber. (flu, Rondo, DER STANDARD, 23.1.2015)

  • Belle & Sebastian: "Girls in Peacetime Want to Dance" (Matador)
    cover: matador

    Belle & Sebastian: "Girls in Peacetime Want to Dance" (Matador)

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