Was "gesund" ist, bestimmt der Verdauungstrakt

22. Jänner 2015, 18:37
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Innsbrucker Mediziner erforschen das menschliche Gefäßsystem und arbeiten an einer "Neudefinition " gesunder Ernährung

Innsbruck - Der berühmte Apfel am Tag, der einem den Doktor vom Leib hält oder gar fünf Handvoll Obst und Gemüse täglich für ein gesundes Leben - es gibt zahlreiche Leitsätze, die vom Kindergarten bis in die Arztpraxen erzählt und plakatiert werden und die uns nahelegen, was gute Ernährung ist. "Es ist nicht schlecht, dass solche Botschaften ausgesendet werden, weil Obst zu essen, bestimmt nicht schadet. Dass man damit aber etwa einen Herzinfarkt vorbeugt, ist wissenschaftlich schlicht nicht erwiesen", sagt Stefan Kiechl.

Was wirklich "gesund" ist

Was der Innsbrucker Neurologe nun in Kürze erwartet, wäre nicht weniger als eine kleine ernährungswissenschaftliche Revolution: "Wir stehen vor einer Neudefinition dessen, was gesund ist und was nicht", ist er überzeugt.

Kiechl ist Leiter des Tiroler Projekts "VASCage - Research Center of Excellence in Vascular Ageing", das als Teil des Kompetenzzentren-Programms "COMET" der Forschungsförderungsgesellschaft vergangenen Oktober gestartet wurde und im Rahmen dessen sich mehrere Wissenschafter mit der Alterung unseres Gefäßsystems beschäftigen.

Zwei von fünf Österreicher sterben an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall, verzeichnet die Statistik Austria. "Unser Ziel ist es, durch gesündere Gefäße die gesunde Lebensspanne zu verlängern", sagt Kiechl.

Energieaufnahme steuern

Ein "Hebel" hierfür sei eben die Ernährung: "Doch es geht nicht mehr bloß um Nahrungsmittel und Inhaltsstoffe - wir verstehen immer besser, dass Gewicht und Fettleibigkeit wesentlich durch die individuelle Zusammensetzung unserer Darmbakterien bestimmt werden", sagt Kiechl. Was er damit meint, ist, was viele wohl schon vermutet hatten: Während zum Beispiel Pommes für manche eine "Kalorienbombe" sind, setzen sie bei anderen gar nicht an - und das, weil vermutlich die Art der Bakterien in unserem Darm bestimmt, wie viel Energie wir aus einem Lebensmittel gewinnen.

"Bald wird es möglich sein, die Darmflora eines Menschen individuell zu charakterisieren. Dann könnten wir durch Ernährung, Antibiotika oder Bakterienkulturen die Energie-, also umgangssprachlich die Kalorienaufnahme des Körpers beeinflussen", sagt Kiechl. In Innsbruck werden derzeit regelmäßig Stuhlproben von tausend Probanden untersucht und darüber hinaus die Zusammenhänge zwischen gewissen Bakterienstämmen und Gefäßerkrankungen untersucht.

Natürlich gibt es dennoch Risikofaktoren, die Arteriosklerose, also sogenannte "Verkalkungen", nachweislich bei jedem begünstigen - und das ist dann doch wieder alles, was längst als "ungesund" bekannt ist: Zu viel Fett, Salz, Zucker, rauchen und vor allem auch mangelnde Bewegung. "Wir müssen Jugendliche von der Couch wegbekommen", sagt Kiechl. Die Forscher möchten nun herausfinden, ob und wie sich gezielte Prävention im frühen Alter auf die Gesundheit auswirkt.

Doch ernährungs- und sportmedizinische Aspekte sind bloß einer von mehreren Teilbereichen des auf vier Jahre angelegten Projekts. Woran die Wissenschafter der Medizinischen Universität Innsbruck, der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und des King's College in London im Rahmen von "VASCage" auch arbeiten, ist ein Harntest, mit dem man künftig bestimmen können soll, wie hoch das Risiko für einen Schlaganfall oder Herzinfarkt in den auf die Untersuchung folgenden Wochen und Monaten ist.

Instabile Matrix nachweisen

"Derzeit berechnen wir Risikoscores, mit denen man nur langfristige Aussagen treffen kann und die sehr unzuverlässig sind", sagt Kiechl. Seit einigen Monaten ist es nun möglich, die sogenannte Matrix zu untersuchen - also die Füllsubstanz der Gefäßwände.

Ist diese Matrix instabil, reißen die Proteinverbindungen und es entsteht ein Gerinnsel. Die Innsbrucker Forscher konnten bereits fünfzig Eiweißstoffe finden, die stabile von instabiler Matrix unterscheidet. Nun ginge es darum, diese im Blut und in weiterer Folge eben im Harn nachzuweisen. "Wenn das klappt, das wäre eine absolute Sensation", sagt der Neurologe. (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 21.1.2015)

  • Der tägliche Apfel als Schutz vor Herzinfarkt? Ein Forschungsprojekt untersucht die Auswirkungen von Ernährung auf das Gefäßsystem.
    foto: corn

    Der tägliche Apfel als Schutz vor Herzinfarkt? Ein Forschungsprojekt untersucht die Auswirkungen von Ernährung auf das Gefäßsystem.

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